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WORTKASSETTE |
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Werkverzeichnis
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Mit Róża L. in Poznan
Schneehelle Wolkenschollen, der Propeller im Morgenlicht ein sirrender Regenbogen, schon flüchtig, ein scharfer Ostwind empfängt die Passagiere in Berlin, fasst mich wie ein alter Freund. Und wieder die Weite vor dem Zugfenster, das stille Strömen der Landschaft, ein grauer Horizont, das grazile Ballett dreiarmiger Windmühlen. Der mäandernde Strom, grüne Brückenpfeiler, Auen. Grenzwechsel. Baumgruppen wie eine Sippe, die auf das Porträtiertwerden wartet. Die hellen Bleistiftstämme der Birken streng aufgereiht, ihre Wipfel schon rötlichgelb, wehende Schleier im Wind. Die Brandmauern eines kleinen Hauses ziehen vorbei, lange geschwärzt, durch das Rot einer Spraydose wiederbelebt wie meine Erinnerung an feldgraue Heerscharen, den Naziterror, Hitlerwahnsinn. Im Blick ein schmales, rostendes Brücklein, das allem widerstand, nicht nur das Brücklein. Mit dabei Rosa L., das Buch „Róża und die Wölfe“, biografische Recherchen zu Rosa Luxemburg. Eingeschleust in das Land ihrer Kindheit und Jugendzeit, das die polnische Jüdin, als Angehörige einer Untergrundbewegung während der Zarenherrschaft, achtzehnjährig, über die grüne Grenze verlassen musste. Studienjahre in Zürich. Ihre Dissertation, zur industriellen Entwicklung Polens. 1898 Übersiedlung nach Berlin, der Erwerb der preussischen Staatsbürgerschaft durch die Scheinehe mit Gustav Lübeck. Eintritt in die SPD. Im Juni gleichen Jahres ihre erste Wahlkampfreise nach Oberschlesien. Nach neun Jahren in der Fremde schwärmte sie in ihren Briefen an den geliebten Leo Jogiches, russischer Konspirant und Student in Zürich, von den Kornfeldern, Wiesen, Wäldern, der polnischen Sprache, den polnischen Bauern ringsum. Sie könne sich nicht satt hören an ihren Reden, satt riechen an der hiesigen Luft. Viel Zeit dazwischen, Róża, ein Jahrhundert der Kriege und mehr. Es gibt kein Ankommen, Bleiben, wir sind Reisende und heute unterwegs nach Poznan. Nahe die Festung Wronki, du weisst, die Kriegsgegnerin in Schutzhaft des Militärs. Gelegentlich der überwachte Arztbesuch in Poznan, der Erwerb von Blumen auf dem Alten Markt, ein Essen im Restaurant statt der Gefängniskost, die dein kranker Magen nicht vertrug. Gegenüber der Mitreisende, langes, dunkles Haar, schwerer Blick, in ein grosses Heft vertieft. Das handgeschriebene Schriftbild aus Worten und Zahlen lässt keine Deutung zu. Ich werde ihn Grigorij nennen, nach Grigorij R., dem Wanderpropheten mit angeblich hypnotischen Kräften. Von 1907 bis zu seiner Ermordung im Dezember 1916 am Hof des Zaren habe der Machthungrige das Zarenpaar beeinflusst und die Monarchie gefährdet. Zur gleichen Zeit in der Festung Wronki ein kleiner Lichterbaum von Sonja Liebknecht für die Einzelne, Briefe und Päckchen der Freunde und der Besuch Mathilde Jacobs, Sekretärin und Vertraute von Rosa L. Doch beim gewohnten „Spaziergang“ der Mauer entlang, einem Tier im Käfig gleich, habe Rosa L. beim Pfiff der Lokomotive gewusst, dass Mathilde abgedampft sei, und ihr Herz habe sich vor Schmerz verkrampft, dass sie nicht auch fort von hier könne, oh, nur fort von hier! Aber gleich darauf habe das Herz einen Klaps bekommen und kuschen müssen, es sei schon gewohnt zu parieren. Der Wanderprophet, Scharlatan Grigorij Rasputin wird in ihren Briefen nicht erwähnt. Du könntest im Poznan der Gegenwart dein Poznan von damals erkennen, Róża, mein Hotel in der Wronieckastrasse am Alten Markt, manche Brunnen, das Rathaus, die Laubengänge der Krämerhäuser, das Hotel Bazar am Platz der Freiheit undsofort. Aber keine Aufzählung. Der Ostwind treibt uns zu: „Zu den Freunden“. Ein Gegenpol und Zentrum wissenschaftlichen und kulturellen Lebens in dem von Preussen besetzten Grosspolen, heute eine Bibliothek der Wissenschaften. Das grosse Haus, sein Gartenraum werden vielfältig kulturell genutzt. Im Café die eifrigen Stimmen von Theologiestudenten des ersten Semesters. Bei Hagebutte und hausgemachtem Kuchen könnte ich dir vom Kaiserschloss Wilhelms des II. erzählen, auf dem im Zweiten Weltkrieg die Nazifahne wehte, oder von der Synagoge, die während der Okkupation zur Schwimmhalle umgebaut wurde, ihre Kuppel abgetragen, gekappt. Oder von einer Autofahrt durch den Nationalpark nach Rogalin berichten, verheissend das Licht hinter nebelverhangenen Baumkronen in Herbstfarben. Wir laufen durch eine Kastanienallee wie in eine andere Zeit. Vor uns das barocke, lichtgelbe Magnatenschloss der Grafen Raczynski, ein Gebäudekomplex in Hufeisenform. Die bedeutende Gemäldegalerie belegt ihre internationale Sammlertätigkeit. Hinter dem Schloss ein französischer Garten, der in einen Landschaftspark übergeht. Ich will mir keine Hitlerjugend vorstellen, die dort exerzierte oder Schiessübungen absolvierte. Nahe die Warte, neunhundertsechzig Eichen soll es hier geben und drei sollen über tausendjährig sein. Dein Leben, Róża, endete achtundvierzigjährig durch zwei Kolbenschläge und die Schüsse der Soldaten des Freikorps, stationiert im Hotel Eden, Berlin. Dein Körper über die Lichtensteinbrücke in den Landwehrkanal geworfen und während drei Monaten von Fischen umspielt. Aber schon sind wir unterwegs zur Adam-Mickiewicz-Universität, in Obhut der Dozentin MG. Im zaristischen Warszawa war der Nationaldichter Mickiewicz verboten, die Gymnasiastin Rosa L. las ihn heimlich mit Gleichgesinnten. MG trägt ein schwarzes, kleidsames Hütchen, die tiefblauen Augen sind klar auf ihr Gegenüber gerichtet. Ich fühle mich in ihrer Gesellschaft sehr wohl. Durch ihre hartnäckige Vermittlung und wache Neugier ist die Schweizer Literatur im Gespräch und nicht ein Exotenprogramm für Wenige. Uns erwartet ein vollbesetzter Raum mit Studierenden, als könnte Rosa Luxemburg wie bei ihren politischen Auftritten noch immer die Säle füllen. Sei nicht enttäuscht, Róża, dass du in deinem Geburtsland nicht gleich erkannt wirst, wenige von deinem Leben wissen, sich dafür interessieren. Noch immer scheint dein Platz zwischen allen Stühlen dir angemessen zu sein. Vom heutigen Standort aus zu verstehen und aus deiner Biografie ableitbar. Ich versuche den Studierenden die junge Rosa L., die erfolggewohnte Politikerin, Internationalistin, die Kriegsgegnerin und ihr gewaltsames Ende näher zu bringen. Und wer kann von der Poetin, Wissenschaftlerin, Malerin oder der Liebenden wissen, die sich mit einem gewöhnlichen Kater verglich, der es möge gestreichelt zu werden und andere zu streicheln? Und die an Luise Kautsky aus dem Berliner Weibergefängnis schrieb, dass sie nur aus Versehen im Strudel der Weltgeschichte herumkreisle, aber eigentlich zum Gänsehüten geboren sei? Doch könnte es sein, dass die aufmerksam Gewordenen in den poetischen Briefen aus dem Gefängnis Wronki an Sonja Liebknecht zu lesen begännen. Bei den Begegnungen mit den ernsthaften, liebenswürdigen Studierenden der Adam-Mickiewicz-Universität und am Collegium Europeum (UAM) in der Piastenstadt Gniezno erlebe ich manche poetische Momente. Eine beglückende Erfahrung, dass die Studierenden in meiner Sprache wie zuhause sind, wir unter dem gleichen Wortdach via Sprache uns näher kommen. Polen ist ein Land der Poesie und des Widerstands. Der Raum der Phantasie immun gegen die Sprachen der Macht. Auf der Rückreise von Gniezno, im schönen Gespräch mit MG. Kleine Bahnhöfe, Scherenschnittbäume, Skulpturen gleich. Langgezogene Wolkendrachen mit Lichtzungen, ein Friedhof. Bei den dunkelnden Grabsteinen die Lichter für die Toten. Es beginnt zu novembern. Die Zugtür klemmt, hindert am Aussteigen. Der Dom von Poznan angestrahlt, mir schon ein vertrautes Bild. Und fernnah eine jiddische Weise, die mich anrührt. An unseren Besuch der Ausstellung im Kloster der Jesuiten erinnert. An Bilder mit jüdischen Motiven, einen Namen wie Masluszczak, den ich nicht aussprechen kann, aber dessen Bildersprache ich verstehe. Die drei kleinen Bilderzählungen im Holzrahmen von Bruno Schulz entdecke, dem expressionistischen Dichter von „Zimtläden“. 1942 seine Ermordung durch die Gestapo. Wieder sind Gegenwart und Vergangenheit verwobene Zeit. Von der Decke des hohen Klosterraums fallen glashelle Plastikwände mit farbigen Schriftzeichen. Elf beschriebene Wände, dazwischen die Korridore für den Betrachter. MG macht mich auf den Text des Paternoster in elf Sprachen aufmerksam. Nur das Wort „Amen“ ist identisch geblieben. Wieder am Bahnhof mit MG, statt anzukommen mein Abschied. Der Morgen sonnenhell wie meine Erinnerung an Poznan. Ich danke Frau Dr.Margarete Grzywacz und der Adam-Mickiewiez-Universität, Poznan für die Einladung und ihre Gastfreundschaft. Danke der Stiftung PRO HELVETIA für die Unterstützung meiner Reise. Grüsse herzlich die Dozenten, Studentinnen und Studenten, denen ich begegnen konnte. Ingeborg Kaiser |
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