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WORTKASSETTE |
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Werkverzeichnis
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Der poetische Augenblick oder woher kommt ein Gedicht?
Woher? Denken Sie sich ein Ich, das schlaflos einen Brief an ein Du vorformuliert, den Brief zu geschwätzig findet, ständig wegnimmt, verknappt, bis er überraschend zu einem ersten Gedicht wird. zu bedenken teile dir mit falls sie wenn wir Der Text entstand aus dem Gefühl von Ungenügen, dem Bedenken den anderen mit Sprache nicht zu erreichen, über zu wenig Sprache zu verfügen, um anzukommen, verstanden zu werden. Ein Misstrauen auch, ob das Medium Sprache überhaupt zur Verständigung tauge. zu bedenken konnte nicht mehr abgeschickt werden, hatte entpersönlicht seinen Adressaten verloren, dafür fremde Adressaten gewonnen. Lesende, bei denen das kleine Gedicht nachklang, sie an etwas erinnerte, was bisher ohne Sprache geblieben war. Ihre Erfahrung musste nicht mit der Aussage des Textes übereinstimmen, ein guter Text ist mehrdeutig, lässt viel Raum, den der Lesende mit seinen Vorstellungen möbliert. Es gibt keine Regeln, wie ein Gedicht zu lesen, zu interpretieren sei. Besser halten wir die Worte gegen das Licht und suchen „Das Wasserzeichen der Poesie“. zu bedenken geschah absichtslos, unvorhergesehen, und ich würde mit Hilde Domin sagen, es passiere, wie wenn einer überfahren würde. Aber dann - nach dem Sündenfall - wie weiter? Ist die, der Schreibende ein Medium, das auf Empfang geschaltet ist? Das Gedicht lässt sich nicht abrufen, wie eine Frucht vom Baum brechen, klopft plötzlich an und will im gleichen Augenblick erkannt werden, es braucht den Aufmerksamen, kann nicht warten. „Die Zeit ist nur indirekt im Gedicht, nach ein paar Wörtern schon muss Welt da sein“. (Robert Creely, amerikanischer Dichter) Das Gedicht kommt als poetischer Einfall, der sich allmählich verdinglicht, vielleicht Schlüsselworte souffliert, die hängen bleiben, zum Weiterschreiben auffordern. Ich nenne das Gedicht gern ein Ding, nicht sicher, wann mein Ding denn Gedicht genannt werden könnte. Aber woher kommt das Bewegende, das Worte auslöst, zu Sprache wird? Aus Empfindungen wie Schmerz, Freude, Zorn und der Fähigkeit des genauen Sehens. Es kann Vision, Traum, Idee, Gedanke sein. Eine Expedition in die eigene Fremde werden, ein Augenblick der Selbstbegegnung oder der Dialog mit einem imaginären Gegenüber. Das Flüchtige wird gefasst, wird mit Sprache bildhaft. Manchmal kommt das Gedicht über Nacht. Eine Komponistin hatte mich zu Musiktagen eingeladen, aber eigentlich hatte ich keine Zeit und war noch unentschlossen, ob ich die anstrengende Reise auf mich nehmen solle. Die Lösung kam am frühen Morgen in einem Traum, der Sand als Schlüsselwort. über Mein ständiges Gerangel mit der Zeit, vielmehr um Zeit, bespottete ein vor mehr als zwanzig Jahren entstandenes Ding: die andere zeit erzähle mir Von Hemingway wird berichtet, dass sein Zug, auf einer Reise durch Spanien, an einem kleinen Bahnhof Halt machte und die Reisenden ausstiegen, um sich die Beine zu vertreten. Neben den Geleisen lag ein toter Hund, sein Bauch war aufgeschwollen und schillerte in allen Farben der Verwesung. Angewidert wandten sich die Reisenden ab. Hemingway habe sein Notizbuch genommen und das Augenfällige genau aufgezeichnet. Mir fiel unlängst ein Zebrastreifen schockartig als „verwittert“ auf, von mir bisher unbeachtet, obwohl ich ihn fast täglich überquere. Es war befreiend, als habe sich mir durch das überraschende Wahrnehmen des unscheinbaren Objekts eine Tür aufgetan in einen mir bisher verschlossen gebliebenen Raum des Sehens, der mich faszinierte. Auch das folgende Gedicht veranschaulicht das Festschreiben eines Augenblicks: bild vergänglich verbeulter mond und Mein vor kurzem geschriebenes Gedicht entstand aus einer Bedrängnis. Ein heller Summton weckte mich und ich suchte nach der Ursache, um den Ton abzustellen. Es war aber Ohrensausen, das sich nicht abstellen liess. erlöst die zikade Zur Arbeit des Schreibens Prosa lebt von der Erinnerung, Poesie vom Vergessen. Dazu Rose Ausländer: „Nie werde ich die Drossel erreichen // nie mit drei Lauten umzugehen wissen, / als wären sie alles.“ Williams Carlos Williams, lebenslang Landarzt und Dichter in der Provinz New Jersey, vergleicht das Gedicht mit einer Maschine aus Worten, die so wenig wie irgendeine andere Maschine überflüssige Teile haben dürfe, nichts an der Wortmaschine sei sentimentaler Natur. Poesie reimt sich also auf Kopf und Handwerk. Die schönen Gefühle und überhöhten Metaphern sind wegzufiltern. Nochmals Williams Carlos Williams: „Aus Zucker und Zimt und allem / was glimmt / Daraus ist schlechte Lyrik gemacht“. Es braucht die kritische Distanz, das Abklopfen der Worte, den Filter im Kopf, den Verzicht, die Verschwendung von Bildern. Und den Widerhaken, soll es nicht schematisch bleiben. „Wirklich wahre Worte sind paradox“ (Laotse). Von der Logik in der Unlogik spricht Goethe, einer genauen und furchtlosen Verirrung. Das Wort „Wasserstäbe“, das ich als Untertitel zu einer Lyriksammlung fand, kann vielleicht noch verdeutlichen, was ich meine. Aber wann ist das Gedicht fertig und hat seine Form gefunden, wann würde ein weiterer chirurgischer Eingriff den Textkörper amputieren? Gibt es Regeln, Grenzen oder ist ein Gedicht immer veränderbar, umzuwandeln? Wieder hilft mir ein Dichter: wenn der Autor keine Änderungen mehr vornehmen könne, weder eine verbessernde noch eine verschlechternde, oder eine nichts ändernde Veränderung vornehmen könne (Ernst Jandl). Ich verlasse mich meist auf die innere Stimme, die still wird, wenn der Text ein Gesicht hat, eine Sprachidentität, Musikalität und Aussage. Manches Gedicht weiss mehr als die, der Schreibende. Möchte einen kleinen Text vorstellen, der diesen Sommer entstand. Ich sah vom Fenster aus eine ältere Frau und einen Jungen im Gänsemarsch die Strasse durcheilen, ein Sommerabend, und ich hätte sie fragen wollen: „Warum so eilig und wohin?“ Aber schon waren sie nicht mehr zu sehen und ich konnte mich nur schreibend mit ihnen beschäftigen, notierte, was mir aufgefallen war. Doch bald wird die Frage „wohin“, die in der ersten Fassung am Schluss stand, zum Titel erhoben. Der Gänsemarsch in Langlaufschritte geändert, später in Langlaufmanier. wohin sehe die ältere Bald klang mir der „Sommerabend“ zu abgenützt, auch wollte ich das festgefügte „Ding“ irgendwie öffnen. wohin sehe die ältere Was behält das Gedicht und was verwirft es? War hier das Auflisten der Kleidungsstücke nicht zu deutlich und womöglich nur langweilig, weitab vom Königsweg der Poesie, seiner gerühmten Fremdheit, Befremdung, dem Rätselhaften, kaum Entzifferbaren? Aber ich verstand schliesslich, dass dieser Text durch die Verknappung verlieren würde. „Ein Training in Wahrhaftigkeit“, nennt es Hilde Domin. Die Gedächtnislandschaft der Poesie zieht sich Jahrtausende weit ins Jetzt. Die Lieder der Sappho und anderer Dichter aus dem „Himalaya der Weltliteratur“ (Durs Grünbein) klingen weiter und setzen sich in den Texten der Gegenwart fort. Zahllos die Versmasse und Gedichtformen, werden ein Prosagedicht, Briefgedicht, Lautgedicht, visuelles Gedicht, sind experimentell, konkret oder abstrakt. Der Raum für das Spiel mit Sprache scheint unbegrenzt. Poesie verwehrt sich dem Gängigen, Alltäglichen, ist weder Gebrauchssprache noch Dienst- oder Fachsprache, kommt als Kassiber und bricht die Sprachnormen auf. Wandelt sich, ist sich gleich, bleibt unvollendet, ein Torso, immer in Erwartung des Kommenden, des noch zu schreibenden Textes. Das Gedicht sei einsam und unterwegs, sagte Paul Celan in seiner Büchnerpreis-Rede:„Der Meridian“,1960. Das Gedicht wolle zu einem Anderen, es brauche dieses Andere, es brauche ein Gegenüber. Und es braucht einen Widerhall. Am Anfang das Wort, das sich fortsetzte, fortgesetzt wird. Der Bleistift wird weitergereicht - wie der Stab beim Staffellauf - durch die Zeiten, unterschiedlichen Lebenswelten der Einzelnen, wird zum lyrischen Speicher im Gedächtnis der Menschen. Gerne schliesse ich mit einem Gedicht von Rainer Kunze . Das Ende der Kunst Du darfst nicht, sagt die eule zum auerhahn Der auerhahn nahm Du bist ein künstler Und es war schön finster. Ingeborg Kaiser |
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