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WORTKASSETTE |
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Werkverzeichnis
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Die Nomadin Er ist tot. Ein Jahr hat sie hingewartet. Jetzt weiss sie, dass er tot ist. Deswegen ist sie ja da, wo sie ist. Wenn sie da ist. Der Koffer steht da, neben dem Korbstuhl, ihr Koffer. Sie muss nicht auf den Anhänger mit der Adresse schauen, obwohl es viele Koffer von gleichem Aussehen gibt. Sie hat ihn drei Tage vor der Geburt des Kindes gekauft. Echtes Leder, nicht hart, mit Stofffutter. In diesen Koffer packte sie eine Erstlingsgarnitur, weisse Hemdchen, Jäckchen, Häubchen und die Windeln. Gute Qualität. Auch der Koffer. Etwas gross für die paar Tage, Nachthemden, Morgenrock und der Waschbeutel mit verschiedenen Cremen. Eitel war sie immer, eine Wöchnerin ist ja nicht krank, sie wollte immer gut aussehen, gut kochen, gut sein, gut, gut. Der Sohn wurde zu früh geboren, war eine Frühgeburt. Zu früh geboren worden, zu früh gestorben worden. Nicht irgendwo in der Dritten oder Vierten Welt, hier, über der Strasse, unweit von ihrem Küchenfenster, bei einem Schusswechsel, sagen sie, er stand vor dem Geschäft mit den geschlossenen Rollläden. Zwanzig Jahre ist der Koffer alt und etwa fünfzig Zentimeter hoch, die Grösse soll ins Cockpit erlaubt sein, aber sie ist jetzt, wo sie ist oder will dorthin, wohin? Die Adresse auf dem Koffer stimmt nicht mehr, sie hat keine andere als diese Adresse, aber sie will sich kein Frühstück in dieser Küche vorstellen, wo sie vom Fenster den Jungen sah, zusah, ihn nicht erkannt hat. Bretter nützen da wenig, das Fenster mit Brettern zu vernageln, löscht nicht das Bild hinter ihren Augen. Nichts löscht das Bild. Einer an der Wand, einer, der schiesst, und ein Mann, der dabei sein Auto wäscht. So was passiert alle Tage, kennt jeder irgendwie. Der Arzt schüttete Pillen, verschiedener Farbe und Form, in ihren offenen Mund, aber es kam ohnehin kein Ton mehr. Pillen, die Wirklichkeit ertragen lassen, die betäuben, vernebeln. Sie würde nicht mehr nach ihrer Seele suchen. Von ihrer verlorengegangenen Seele sprechen mit dem Arzt, und sich vorstellen, dass diese an einem Stachelzaun hänge, vielleicht friere, ohne das beweisen zu können. Aber, wo sitzt eine Seele, in welchem Organ, wie schwer ist sie, kann der Verlust sein? Zwei Gramm schwer, sagt der Arzt, käme er wieder ins Zimmer, aber sie wäre nicht da, hat das Zimmer mit ihrem Koffer verlassen. Der Korbstuhl ist ein Zwischenhalt, eine Unterwegsstation, ein grauer Korbstuhl schimmelgrau, angeschimmelt von Jahren in der Klinik, aber nicht kaputt, noch lange nicht, mit etwas Farbe wäre er herzustellen, wieder neu, Dinge sind zäh, überdauern oft ihre Besitzer, ihre Zeit. Sie geht nicht in Trödlerläden, wo die Zeit im Gerümpel hockt, sich stapelt, ein Panoptikum an verlorener Zeit, dessen Anblick sie nicht mehr ertragen könnte, dass sie Amok liefe gegen die Dinge, natürlich ohne Erfolg. Sie hätte nicht in den Korbstuhl sitzen sollen. Er hat sie müde gemacht, schlapp, bevor sie die Station verlassen hat, unbemerkt, über den langen Gang zur Treppe und durch die Halle, rechts die Sitzecke, linkerhand Kiosk, Pförtnerkabine, zum Ausgang. Sie möchte nicht mehr denken, voraus- oder zurückdenken lähmt sie gleichermassen. Der Weg aus der Klinik dehnt sich dabei und die Welt vor ihrem Fenster wird zu gross, dahinein passt sie nicht mehr, und was bliebe ihr dann? Die Schlafkur schützte nicht vor dem Erwachen, dem Wachwerden, dem Wissen, dass er tot ist. Sie will es behalten, ihre Trauer aushalten. Die Pillen hat sie ins Klo geschüttet, versenkt. Was sonst könnte sie ihm zuliebe tun? Ein Lieblingsgericht kochen, er hatte viele Lieblingsgerichte, sie kochen, hineinwürgen und wieder kochen oder backen, für ihn eine Kochmesse zelebrieren, verrückt. Er soll tot sein, unter der Erde liegen, bei seinem Begräbnis war sie hier, eingeliefert, ihre Stimme herausgeschrieen, ausgeschrieen. Vorher hätte sie schreien sollen, lange zuvor, als es anfing zwischen den Beiden, dem Mann und dem Sohn, wegen komischen Kleinigkeiten, immer nur Kleinigkeiten. Sie hat sich eingemischt, natürlich konnte sie nicht still sein, wenn der Mann und der Sohn kindisch tun. Das hat sie gesagt, ausgesprochen, wie man kleine Buben schimpft, die doch nicht hören werden, schonungslos ihre Revierkämpfe austragen. Sie konnte es nicht verhindern hat machtlos mitgespielt, es zugelassen. Und fleissig alle Bettchen gewärmt, alle Tellerchen gefüllt, in grösseren Töpfen gekocht, fleissig genährt. Und tüchtig dumm gewesen, statt zu schreien, loszuschreien, gegenzuschreien. Der Sohn ist gegangen und sie wusste nichts mehr von ihm. Ein Jahr wusste sie nicht wie er lebte und wo, nur wie er starb. Sie hätte nicht warten dürfen, er wäre nie zurückgekommen, ihr Warten war eine Lüge. Nun kann sie ihn nicht mehr suchen, nicht mehr finden, nur einen Erdhügel bepflanzen und die Worte hineinlegen, die sie nie ausgesprochen hat, die Heuchelei fortsetzen. Er kann sich nicht mehr wehren, aber sie wird es tun, so tot ist er nicht, dass sie nicht wüsste, was er nicht ertragen könnte, obwohl sie wenig verstanden hat, was er so redete, sich keine Zeit nahm zuzuhören, immer beschäftigt tat, ihr eigener Aufseher war. Seine E-Musik hatte sie aber gern, nicht immer, fühlte sich dann von den fremden Tönen besetzt, vollgelaufen bis obenhin, unfähig etwas dagegen zu tun, bis der Mann reklamierte oder jemand vom Haus. Später vermisste sie alles. Als das Warten anfing, hatte sie plötzlich Zeit. Sein Zimmer war voll mit Zeit, der Schrank, das Bett, der Stuhl. Sie konnte nicht umgehen damit. Lief in die Küche und kochte wieder Kaffee, die Essensreste waren noch nicht ausgekühlt, nahm sie Kaffee mit Kuchen, schaufelte das süsse Zeug rasch weg, quälte sich mit der Kalorienzahl und wusste, dass sie sich, vollgefressen, nicht ausstehen konnte. Als wollte sie sich bestrafen, ihre Eitelkeit, die sie vollkommen wünschte, ihre Zeit portionierte, stahl. Das hat sie zu spät verstanden, allein mit dem Mann, der sie verändert fand und von Wechseljahren redete. Damit hatte die Wende einen Namen, ihre innere Unordnung war benannt. Aber nicht zu bannen. Der Abschied begann. Was fürs Leben eingerichtet war, zerfiel beim Warten auf den Sohn. Die Zeit war taub geworden, eine leere Hülse, als hätte sie vom Sohn noch Leben zu erwarten? Er ist tot. Und sie hat noch Zeit, Angst vor der Zeit, müsste Abbitte leisten für das, was sie nicht getan hat. Hier hat sie noch keine Uhr gesehen, aber sie ist sicher, dass die Zeit sie einholen wird. Es ist klug mit der Zeit auf Du zu stehen. Hier geht das nicht. Hier warten sie auf Anweisungen, Rezepte, laufen durch die Kranken-Korridore und repetieren ihre Krankengeschichten, damit sie, aufgerufen, rapportieren können. Hier herrschen die weissen Mäntel, entwerten die Zeit. Sie muss weg, bevor ihr Namen aufgerufen wird, welcher Name, wohin weg? Der Sohn ist unterwegs, nicht mehr zu fragen, Mutter und Vater antworten schon lange nicht mehr, und der Mann will nichts davon wissen, dass sie gehen will, geht. Aber zurück kann sie nicht, nicht zurück in die alte Zeit, die alte Rolle. Sie würde den Sohn verraten, und sich. Ihre Haut ist weg, alle Haut, kein Schutz mehr da, ein plötzlich kalter Strahl unter der Morgendusche und sie hört ihr Weinen, sie erträgt nichts mehr, muss das Klima wechseln. Der Sohn würde sich freuen, wenn sie den Koffer nimmt und geht, nicht hier im Schimmelstuhl hängen bleibt, zu schimmeln anfinge, zu schimmeln. Sie hat von einer grüngelben Knollennase geträumt und im Dämmern die Schläge, der Schlag auf den Kopf, der sie elektrisiert, aber da ist niemand, nur sie, wenn es stimmt, wenn sie nicht gegangen ist, ihr alter Koffer steht da, neben dem Korbstuhl. |
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