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DER HUND DES ENKELS DER FRAU

Fabio hat ihn von den Kanaren mitgebracht oder war es Indien? Es steht nicht mehr gut um ihr Gedächtnis und Fabio fragen geht nicht mehr, aber wenn der schwarze Tim zielgerichtet über die Buckelwege tänzelt, seine Ohren schlappen im Takt der dünnen hohen Beine, erinnert er an einen schlauen Inselhund auf seinem Raubzug. Und ihre Angst, er könnte sich dabei ein Bein brechen, ist ziemlich dumm, auch seine Mühe beim Atmen kennt sie, als stecke ein Kloss in der Kehle, ein Würggeist. Sie sind gleich betagt, der Hund ihres Enkels und sie, wenn ihr die Buckelwege schwerfallen, wartet Tim, bis sie aufgeholt hat, und lahmt Tim, geht es andersrum. Eine Symbiose, die sie rührt wie eine späte Liebessache, die ihr unerwartet zufiele. Der alte Tim und die alte Frau.

Natürlich war es bei Fabio aufregender für Tim, sein Zuhause ein Kleinbus, bei wechselnder Aussicht, mit neuen Standorten, Gerüchen, Natur. Und Fabio ständig auf der Sinnsuche, ein Künstler eben, ein Kunststudent, begabt und schön jung. Nichts verkleistert, zementiert, abgezählt, jeder Tag offen in eine neue Landschaft, denkt sie, in Möglichkeiten und Wunder, oder doch nicht, wenn sie das Ende bedenkt, ein Geheimnis, das niemand enträtselt hat. Vielleicht die Hundeaugen, die sie tiefgründig betrachten, aber wer kann sie schon deuten, und vielleicht sieht sie mehr hinein, als sein kann, handelt es sich lediglich um den normalen hündischtreuen Blick.

Warum nur so weit in den Norden, im Norden ist alles kälter, aber ein Studienplatz an der Kunstakademie, und ausserdem Tim als Begleiter. Doch wird sie den Gedanken nicht los, dass Fabio dort, trotz seiner Studienkollegen, auf eine besondere Art einsam war. Einen Rückzug vermutet sie, die Antennen nach draussen gekappt, die Sinne auf seine innere Welt ausgerichtet, eine labyrinthische Reise mit Abstürzen und Hochrappeln, mit blinden Träumen, einem leeren Horizont.

Er wollte, dass sie in den Norden mitkomme, einmal im Leben verreise, es sei nie zu spät mit was Neuem zu beginnen. Doch es braucht keine Reise mehr, um Fabio zu besuchen. Ein paar hundert Schritte hügelwärts genügen und sie kann ihm von Tim erzählen und ihrer Buckelwelt, von einem Ameisenhaufen, den ein feiner Herr mit Benzin übergoss und lodern liess. Kann wieder die dunklen Stunden einkreisen, wo Fabio von zwei Hundeführern, drei Polizeiwagen und einem Hubschrauber gesucht, durch ein fremdes Waldgebiet irrte, mit Tim einen Fluss durchschwamm und endlich gegen dreiundzwanzig Uhr über eine Leiter den Leitungsmast erkletterte, von dort sich vielleicht neu orientieren wollte. Es war kein Selbstmord, es war ein zu Tode gehetzter Fabio, dem so schwebend schwindlig wurde und der von drei Kabeln das falsche ergriff, nackt in den Tod stürzte.

Der blaue Kahn sei ufernah an der Boje festgebunden gewesen. Im Boot ein junger Mann mit einem grossen schwarzen Hund, traumversunken, unansprechbar. Gestört, befand der Besitzer des Kahns, als Psychologe sehe man das, er habe den Burschen mit dem Fernglas näher geholt, der reglos gelegen habe, in zerrupften Jeans, mit blossem Oberkörper, seine blossen Füsse ausgestreckt. Habe ihn lange anvisiert, ein blondgelockter Spinner oder Drögeler mit dem Jesustouch, und seinen teufelsschwarzen Hund, ausgerechnet in seinem Kahn, als gebe es nicht uferweit ganz andere Kaliber zu besetzen. Auch den Spaziergängern sei das Ganze verdächtig vorgekommen und man habe es mit Rufen versucht, aber nicht mal das schwarze Vieh habe sich bewegt, und schlagartig sei ihm klar geworden, was hier anstehe.

Der Polizeiwagen mit Blaulicht sei mit psychologisch ausgebildeten Helfern angerückt, der Warnschuss vereinbart gewesen. Aufgeschreckt seien der Unbekannte und sein Hund blitzartig ins Wasser getaucht und man habe sie das andere Ufer erreichen und im Wald verschwinden sehen. Offenbar sei er nicht ganz bei Sinnen gewesen, denn er habe mit seiner nassen Jeans die Kreditkarte, den Studentenausweis und einen ansehnlichen Geldbetrag zurückgelassen. 

Seither hadert sie mit dem Tod. Er hat den Enkel genommen und sie übersehen. Ein leuchtender Tag, an dem Fabio begraben wurde, ein Fest der Liebe und der Sonnenblumen. Die Sonnenlichter, im langen Zug der Trauernden, waren für sie Signale des Lebens und die vielen Menschen, die schlangenartig die Friedhofswege füllten, ein stiller Protest gegen den Tod.

Und wieder Sonnenblumenzeit. Auf den Morgenwegen mit Tim die Lichtgräser voller Tau und Windgeflüster in der alten Buchenallee, am Boden die Lichtgeometrien, Andachtswege. Vergnügt läuft Tim und stellt die schwarzen Ohren. Fabio ist nicht weit.

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