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EINGESCHLEUST

Zwischen importiertem Hausrat sass die importierte Frau und beschaute durch ein Fernrohr die Gegend, von jedem Fenster aus eine andere, ohne etwas zu bemerken, was sie nicht erinnert hätte, ohne etwas Verrücktes zu sehen, etwas Ausserordentliches, etwa eine Giraffe auf dem Hausdach oder Menschen mit Flügeln oder eine Rose im Schnee, nichts dergleichen kam ihr vor, keine Wildnis, keine Weite, in die sie fallen könnte, es gab Ränder, Wege, Ufer, es war ein zivilisiertes Land mit zivilisierten Menschen, soweit sie sehen konnte, mit vielen Häusern, Strassen, Schienenwegen, Bergen, Brücken, Seen auf so kleinem Raum, dass es unmöglich schien, in die Irre zu gehen, vielleicht in den Warenmärkten, Bankokratien, die mit und ohne Fernrohr ungeheuerlich schienen, doch bald hatte sich die importierte Frau eingerichtet im Eiland der Satten, Sicheren, fror es sie, stellte sie die Heizung grösser, Winter oder Sommer, das funktionierte reibungslos, die Komfortmaschinen, Profitmaschinen, Reinigungsmaschinen, die Ordnungs- und Zeitmaschinen waren intakt, pausenlos, meinte die importierte Frau und begann ein Arbeitsprogramm aufzustellen, mit dem sie jeden Tag in winzige Einheiten teilte, zersplitterte, mit Fleiss bewältigte, damit den landesüblichen Gewohnheiten näherkam, wie sie meinte, wenn sie sich in ihre Pflichtenmühle trieb, bei Hundstagshitze ein Kellerfenster putzen ging, eine Terrasse ordentlich mit Seifenlauge schwemmte, weil es notiert stand, vorgezeichnet für den Tag, den sie am Ende abhaken, ablegen konnte wie alle Tage, unbemerkt, nur ihre Müdigkeit als Gewinn, eine importierte Frau, ausgesteuert, isoliert vom Arbeitsmarkt, eine Familienfrau mit Aufenthaltsbewilligung, die eine Arbeit ausser Haus nicht erlaubte, sie ins Küchenreservat bannte, wo sie Tellerchen füllte und Bettchen wärmte, falls sie nicht gestorben ist, füllt und wärmt wie viele Inselfrauen, aber importiert, ohne das Markenzeichen „Schweiz, svizzera, suisse“, was sie als Makel empfand, sobald sie ihre Drei-Zimmer-Klause verliess, die Abwehrmechanismen der einheimischen Insler erfahren musste, falls man Insler sagen kann, irgendwo das Bild einer Insel stimmt, vielleicht weiss die importierte Frau mehr darüber, wenn sie anfängt zu sprechen, über ihre kleinen Aengste berichtet: den Mund aufzutun und sich mit dem ersten Wort als importierte Frau erkennen zu geben, gleich hätte sie die Fremdheit gespürt, wären die Jalousien heruntergegangen, die Gesichter hinter den Jalousien verschwunden, wäre die importierte Frau durch schmale Schlitze gemustert worden, wenn sie sich der Oeffentlichkeit aussetzte, ihr Kind aus einer fremden Garageneinfahrt zog, gleich wäre ihr Argwohn entgegengekommen, Befremdlichkeit gegen den Eindringling, Verwilderung nennt es die importierte Frau, das war später, sehr viel später, als sie mit ihrer Katze an der Leine durch ein Bündner Idyll ging, wieder sich beobachtet fühlte, taxiert, nannte es „Verwilderung beim Umgang mit Besitzlosen“, den Zwang radikal abzuwehren, was den Besitz durch Eindringlinge, Einbrüche gefährden könnte, obwohl es komisch bleibt und unwirksam, und wer sein Fernrohr zu Hilfe nimmt, bemerken muss, dass jede Absicherung, Abgrenzung illusorisch ist, die Kühltürme auch schweizerischen Horizont aufreissen, Umweltseuchen übers Land kriechen und ganz allgemein die Menschheit sechzehnkommafünfmal vernichtet werden kann, die Inselallüre nur noch den Schläfern dient, die sich gerecht nennen, bis sie unsanft erwachen, zur rechten Zeit, hofft die importierte Frau und blendet zwanzig Jahre zurück, berichtet von ihrem zunehmenden Mangel, von Sprachlosigkeit und Sprachverlust, vom langsamen Stummwerden, Abinseln ins Schweigen, lernte gleichzeitig neutral zu lächeln, sich mit Mimikry gegen ihre Umwelt zu tarnen, schien sich anzupassen, aufzugeben, mit der Sprache sich zu verlieren, auszulöschen in der Anonymität einer schweigenden Mehrheit, in der es eine Ordnung, ein Recht, eine Lebensweise gab, immer neue Verbotstafeln den Freiraum der Toleranz besetzt hielten, die importierte Frau erzählt von Chaletferien im Land, von Feigenbäumen und Schweizer Mäusen, Riesengeranien, Röstipfannen, Raddampfern und Höhenfeuern, von Bergwänden, die sich langsam gegen Häuser schieben, vielleicht eines Tages in Stuben brechen, in Städte, vom Lautgeprassel aus Manövergewehren, das sich zwischen Bergwänden fortsetzt, Bilder des Krieges beschwört, trockenes Geballer, Donnern, die dumpfen Antwortgarben vervielfacht, ein Dialog der Gewalt für die importierte Frau, die Sprache, die sich auch gegen die randalierenden Söhne und Töchter durchgesetzt hat, mit Gummigeschossen, Knüppelschlägen, Gasgranaten die steinerne Ruhe und Ordnung wiederhergestellt hat, was heisst da schweigende Mehrheit? nach Musil löst sich der Landesbewohner in Charaktere auf, in einen Berufs-, einen National-, einen Staats-, einen Klassen-, einen geografischen, einen Geschlechts-, einen bewussten, einen unbewussten und vielleicht auch noch einen privaten Charakter, in viele Rinnsale, die in eine ausgewaschene Mulde sickern, und er ist eigentlich nichts, die importierte Frau kam auf die komische Idee, die Bewohner mit Inseln zu vergleichen, ein Set aus vielen Inseln, ineinandergepackt, die jenes Eiland ergäben, doch verbliebe ein Vakuum, ein Hohlraum von Insel zu Insel, der die Verständigung verunmöglichte, aber das ist wohl übertrieben, jedenfalls nicht beweisbar, und die importierte Frau beschränkt sich besser auf ihre eigene Biografie, den zunehmenden Verlust ihrer Sprache in der Isolierung, scheinbar unabänderlich, dass sie im alten Land als verschweizert galt, von Helvetismus unterwandert, „die Schweizerin“ genannt wurde, im neuen Land, lange Zeit, weder privat noch politisch eine Stimme hatte, die importierte Frau blieb, sich nirgendwo mehr zugehörig fühlte, eine Nomadin ohne ein anderes Ziel, als unterwegs zu bleiben, in Bewegung, nicht weiter abzusterben, in keinem Lager angesiedelt, in keiner Wirklichkeit als der ihren, die sie Wort für Wort zu erschreiben suchte, um mit Kassibern nach aussen die Enge zu überwinden und mit der Zeit ein paar Gesichter erreichte, einen Dialog begann, von Insel zu Insel, der andauert bis heute, imaginäre Heimat der importierten Frau, ohne Regeln und Grenzen, Scheiterhaufen und Dogmen, während der Zeitgriffel tausendfach das Bild der Insel Schweiz ritzt, zu Recht seine Legende unlesbar gemacht hat.

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