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Der Weihnachtsengel oder 24 Tege im Dezember

1.12.
Im Zimmer mit den Büchern, wo manchmal Elias Bettchen steht, traf die Oma einen richtigen Engel. Er heisse Elia, sagte der Engel, sei von weither geflogen, und suche den kleinen Jungen Elia.

„Ruhe dich aus“, sagte Elias Oma, „dann sehen wir weiter.“

Und schon schlief der Engel Elia im weissen Hemdchen, das ihn bis zu den Füssen deckte. Und leise freute sich die Oma auf das Erwachen des Engels Elia mit strohblonden glatten Haaren, der auf der Suche nach Elia mit den dunklen Kraushaaren war.

2.12.
Die Oma war nicht sicher, ob der Engel wirklich im Bücherzimmer schlief oder nur kurz aus einem der Bücher gepurzelt war, und so schaute sie anderntags vorsichtig durchs Schlüsselloch, wie sie als Kind nach dem Christkind im Weihnachtszimmer spähte. Sie drückte ein Auge zu, sah also einäugig durchs Schlüsselloch den Engel Elia, der eben gähnte und uaaah sagte. Die Oma klopfte und der Engel öffnete die Tür.

„Guten Morgen, Engel“, sagte sie, etwas verwirrt über den strohblonden Engel, oder war er gar kein Engel, wer hat schon mal einen richtigen Engel gesehen? Und dann dachte sie, der Engel müsse zuerst beweisen, dass er ein Engel sei, bevor sie ihm sage, wo ihr kleiner Elia mit seiner Mama wohne.

3.12.
Der Engel lächelte vergnügt, denn er hatte schon erraten, was die Oma dachte, schliesslich war er ein Engel, und sagte:

„Nun bist du eine Oma und hast noch immer keine Ahnung von Engeln.“

Die Oma setzte ihre Brille auf und sah im gleichen Augenblick, dass dem Engel zwei Flügel wuchsen, im strohblonden Haar ein Haarreif glänzte und um sein Hemd ein silberner Kragen lag.

„Guter Engel!“, rief sie erstaunt und der Engel machte einen Kopfstand, als wollte er alles auf den Kopf stellen, natürlich auch die Oma.

4.12.
Der Engel also kopfüber und sein Hemd von den weiten Flügeln gehalten wie ein umgedrehter Regenschirm, dass die Oma lachen musste, bis ihr Lachtränen kollerten und der Engel zauberartig auf seine nackten gepolsterten Füsse zu stehen kam.

„Himmlisch!“, rief die Oma, und der Engel sagte, dass er Hunger habe.

„Aber was essen Engel?“, fragte die Oma, „kannst du mir das bitte verraten?“

5.12.
„Engel, die man sehen kann, sind schon sehr lange unterwegs“, sagte der Engel, „sie kennen alle Länder, das Meer, die Schneeberge, Sandwüsten und sie essen, was die Menschen essen, die sie beschützen.“

„Auch Würstchen?“, staunte die Oma, „oder Spaghetti oder Pfannkuchen?“

„Wir essen nicht wirklich“, sagte der Engel, „wir sehen beim Essen der Menschen zu und werden davon satt.“

„Oh!“, sagte die Oma und dachte im Stillen, dass es wichtig sei, was und wie die Menschen essen, damit es dem Engel nicht vom Zusehen übel werde.

6.12.
Liebevoll stellte die Oma auf, was sie vorrätig hatte, und Engel Elia freute sich über das Kerzenlicht und die weisse Rose wie der kleine Elia, wenn er seine Oma besucht. Sagte dann:

„Elia braucht einen guten Engel.“

„Gibt es denn auch böse Engel?“, fragte die Oma.

„Es braucht die bösen Engel“, sagte Elia.

„Und das soll ein Mensch verstehen?“, meinte die Oma und sah, dass der strohblonde Engel kohlendunkle Augen bekam und sein Reifen im Haar ein paar Roststellen hatte.

7.12.
Sie nahm die Brille und musterte den Engel namens Elia gründlich, dann sagte sie streng: „Bist du nun ein guter oder ein böser Engel?“

Der Engel lachte und lachte und es klang, als würde jemand auf der Harfe eine Geschichte erzählen, und es machte die Oma leise froh.

8.12.
„Meine Frage war dumm“, sagte die Oma, „das passiert eben, wenn man jemanden sehr lieb hat.“

Nachdenklich, den Kopf aufgestützt, sah der Engel zur Oma und sagte: „Zeichne mir ein Zebra.“

„Ein Hase wäre einfacher“, sagte die Oma, wollte aber den Engel nicht enttäuschen und zeichnete als Erstes den Schwanz des Tieres, da begann der Stift wie von allein fortzufahren und schon bewegte sich ein schönes schwarzweiss gestreiftes Zebra an den Rand des Blattes.

9.12.
Schnell zeichnete die Oma einen Zaun um das Zebra und der Engel schaute sehr verwundert.

„Es könnte über den Tischrand purzeln und sich weh tun“, meinte sie, aber eigentlich plante die Oma etwas anderes.

„Du willst das Zebra für Elia behalten“, sagte der Engel.

„Wäre das denn schlimm?“, fragte die Oma.

„Frag das Zebra“, sagte der Engel, und die Oma sah das kleine Zebra traurig am Zaun stehen.

10.12. „Ich will es wieder gutmachen“, sagte die Oma, „ich werde dem Zebra ein passendes Zebrahaus zeichnen und einen Zebrateich, auf dem Zebraenten quaken, einen Zebrabaum mit munteren Zebravögeln, darüber eine Zebrawolke und noch ein lustiges Zebra, das das traurige Zebra gewiss zum Lachen bringt.“

11.12.
„Warte“, sagte der Engel, aber schon nahm die Oma den Bleistift und begann ihr Zebraparadies zu zeichnen oder besser: sie wollte es zeichnen, doch was sie auch anstellte, aus dem Bleistift kam kein einziger Strich auf das Papier.

„Donner!“, rief die Oma, und es klang kein bisschen böse, mehr wie eine Frage.

„Die Erde ist ein wunderschöner bunter Ball“, sagte der Engel, „wenn du alles nur schwarz oder weiss siehst, bist du wie farbenblind.“

12.12.
Das gefiel der Oma gar nicht, auch das Zebra stand noch immer traurig am Zaun und erinnerte die Oma an das Laufgitter und Elia, dem es, trotz Tierzoo, vielem Spielzeug und Bilderbüchern, kein bisschen behagte, von Stäben eingegrenzt zu sein. Entschlossen nahm sie den Bleistift und schon begann er über das Papier zu kringeln, zu tanzen - schon war der Zaun verschwunden.

„Und jetzt?“, fragte die Oma den Engel, „was wird aus dem Zebra?“

13.12. Glücklich scharrte das kleine Zebra mit seinen Hufen, tänzelte vor der Oma, als wollte es Abschied nehmen, galoppierte über den Tischrand, ohne abzustürzen, geradenwegs weiter und verschwand in der Bücherwand, so rasch, dass die Oma nicht einmal tschau, tschüss oder sonst was Nettes sagen konnte. Sie wurde sehr traurig wie vorher das Zebra und ebenso froh, weil das Zebra nicht mehr traurig war, und dachte dann, dass es wohl gerade so recht sei.

14.12.
„Nun ist das Zebra auf seinem Märchenweg“, sagte der Engel.

„Was ist ein Märchenweg?“, fragte die Oma.

„Man braucht Märchenaugen, um ihn zu erkennen“, sagte der Engel.

„Und wer hat Märchenaugen?“, fragte die Oma.

„Das Zebra, du, Elia alle kommen mit Märchenaugen auf die Welt.“

„Wo habe ich dann meine bloss hingeschusselt!“, sagte die Oma und begann in allen Schubladen zu stöbern.

15.12.
„Aber Oma“, sagte der Engel, „hast du keine Augen im Kopf?“

„Doch, sogar Adleraugen“, sagte sie, „aber den Märchenweg sehe ich trotzdem nicht.“

„Als Kind bist du ihn oft gegangen“, sagte der Engel.

„Lass mich nachdenken“, sagte die Oma, schloss die Augen und sah plötzlich mehr als mit offenen Augen.

„Hallo“, sagte sie und strahlte über das, was sie sah.

16.12.
Der grosse schwarze Hund rannte bellend auf die Oma zu, und freute sich wie sie über das Wiedersehen. Sie streichelte sein dichtes langes Fell, das weisse Brüstchen, er drückte seinen schmalen Kopf an ihre Beine und gab ihr seine grosse Pfote.

„Du lieber schöner Timi-Hund“, sagte sie, „Elia und seine Mama, wir alle vermissen dich noch immer.“

Zart streichelte sie sein Gesicht und wie früher schloss er dabei seine Hundeaugen mit den langen Wimpern. Und es war nicht klar, wer von den beiden glücklicher war.

17.12.
Schläfrig geworden, trottete Timi zum Stammplatz in der Garderobennische und wollte sich einrollen. Im gleichen Augenblick kam ein braunes Katzenpfötchen durch die Wand und versetzte Timi einen Streich auf die Backe, aber es war mehr ein Streicheln als ein Schlag, denn die Krallen blieben eingezogen. Dann zeigte sich das geheimnisvolle Gesicht einer Siamkatze mit tiefblauen Augen und tigergleich sprang sie auf Omas Schulter, schnurrte wie eine Nähmaschine und drückte das Fellgesicht an die Backe der Oma.

„ Sehr lieber Chico“, sagte sie und kraulte die Katze, „lieber einziger Chico, du und Elia würdet euch gut verstehen.“

18.12.
Sie nahm ein grosses weisses Taschentuch, schnäuzte und rieb sich die nassen Augen. Als sie wieder klar sehen konnte, waren Timi und Chico verschwunden.

„Oh“, sagte sie, „was für ein schöner Traum, die Katze hockte auf Timis Rücken und friedlich trabten sie weg.“

„Es war kein Traum“, sagte der Engel, „du warst auf dem Märchenweg.“

„Da möchte ich bald wieder hin und vielleicht kommt Elia mit.“

„Mit Märchenaugen kinderleicht“, sagte der Engel, schwebte kopfüber zur Decke und rief: „Erzähl’ ein wenig von Elia, bevor ich mich auf den Weg mache!“

19.12.
Die Oma holte tief Luft und ähnelte so aufgeblasen einem Luftballon, sagte dann:

„Elia hat schon zwei Mal Geburtstag gefeiert und ist kräftiger als Gleichaltrige, grösser, gescheiter, schöner, zorniger, lieber, lustiger, heller, dunkler, phantasievoller, gründlicher“, wieder holte die Oma Luft, erzählte von Elias samtenem Plappermäulchen, das den ganzen Tag singe und spreche und wie ein Fieberthermometer nach oben oder unten zeige, von kirschdunklen Augen und Rhythmus im Blut, dass sich Elia im Takt der Musik bewege, ringelum tanze und sein Papa, der überm Meer wohne, ein Tänzer sei. Dann stockte die Oma, als habe sie einen Knödel im Mund, da schnarchte doch jemand so laut wie eine Säge, sägelaut, Elia? Ja, es war der Engel Elia, der noch immer kopfüber im Zimmer schwebte.

20.12.
„Und so ein müder Engel will Elia behüten?“, zweifelte die Oma, nahm den Apparat und blitzte den Engel an. Schon stand er neben ihr und sagte:

„Du kannst keinen Engel fotografieren, auf dem Bild wird nichts zu sehen sein.“

„Verzeih“, sagte die Oma, „ich habe wenig Erfahrung mit Engeln.“

„Das ist menschlich“, sagte der Engel mild.

Gerne hätte die Oma das strohfarbene Haar des Engels berühren oder die Rosttupfen auf dem Haarreifen polieren wollen, aber ob das einem Engel gefiele? Der Engel lächelte, lachte, als würden tausend Glöckchen schlagen, und sein Reifen im Haar funkelte schöner als die Sterne am Nachthimmel.

21.12.
Still bestaunte die Oma den Engel Elia und sagte:

„Mit dir ist es wie im Märchen.“

„Wünsch dir was“, sagte der Engel.

„Ein Häuschen auf dem Land und viele Tiere ums Haus für Elia.“

„Zaubern kann ich nicht“, sagte der Engel.

„Das macht nichts“, sagte die Oma, „was Elia will, schafft er auch ohne Zauber.“

„Lass ihm Zeit“, sagte der Engel, „er ist noch so klein.“

„Omas haben keine Eile“, sagte sie, „und sind auch nicht von gestern.“

22.12. „Noch zwei Nächte, dann ist Weihnachten“, sagte der Engel, und seine Hände bewegten sich fein, als sei da eine unsichtbare Harfe, ein Kontrabass oder sonst ein Instrument, auf dem er eben spielen würde. Bezaubert horchte die Oma auf die wundersamen Weisen, die sie wie sanfte Träume umschmeichelten. Und träumend sah sie den Engel über die sternhelle Winterstadt fliegen und das St.-Johanns-Tor, sah ihn auf Elias Balkon landen. Es machte die Oma ansteckend froh, doch als sie aufwachte, war der Engel verschwunden.

23.12.
Ein wenig traurig suchte die Oma nach dem Engel und bemerkte goldhelle Fussspuren, die über den Boden liefen und weiter der Bücherwand entlang, sich dort verloren.

„Schlingelchen!“, rief die Oma, „komm, zeig dich wieder, morgen kommt das Christkind und die Engel singen ihr Wiegenlied für das Kind in der Krippe im Stall, für Maria und Josef, Ochs und Esel, die Hirten, die Schafe auf dem Feld. Und auch hier brennen dann die Kerzen am Baum für Elia und uns alle, und es riecht nach Honig und Zimt.“

Doch blieb es still, vielleicht war der Engel Elia auf dem Weg zu Elia? Weihnachten ist voller Geheimnisse, dachte die Oma und liess es dabei.

24.12. Die Dächer weiss bepudert, alle Sterne am Funkeln, feierlich golden der Mond. Alle Tiere draussen und drinnen, im Zoo, Stall oder Haus still am Warten. Die Raben und Sperlinge, der Uhu mit runden Goldaugen auf dem Winterbaum, sogar die Äffchenhorde zusammengedrängt am Lauschen.

Es war der Christabend, die Nacht, in der alle Tiere sprechen dürfen und alle Menschen, kleine und grosse, von kleinen und grossen Schmerzen durch das Christkind wie erlöst sind. Viele Herzen öffneten sich in dieser stillen Nacht wie die Tür am Weihnachtszimmer, waren für eine Weile vogelleicht am Hüpfen, Schweben und in Frieden mit allem, was lebt.

In den dunklen Augen Elias spiegelten sich die Lichter der Kerzen und beinah hätte die Oma vor Rührung geweint, aber das Tausendglöckchenlachen von der Spitze der Weihnachtstanne perlte wie ein silberheller Wasserfall in die Stube und brachte alle zum Lachen.

„Fröhliche Weihnachten!“, rief die Oma und blinzelte Elias Engel zu, der auf der Tannenspitze schaukelte und gähnte.

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