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Czernowitz

Festival Meridian Czernowitz 2.9. - 6.9.10

Wieder zurück, angekommen?, womöglich noch unterwegs. Es war eine abenteuerliche, ebenso wundersame Reise. Auf dem Hinflug ein Warnstreik des Kapitäns mit seiner Crew, der die Passagiere von Warszawa nach LVIV (Lemberg) bringen sollte. Grosses Rätselraten, man sitzt und wartet. Der Flug war auf dem Bildschirm aufgerufen, aber vorerst eine zweistündige Geduldsstrecke durchzustehen.

In der kleinen Ankunftshalle in Lemberg, drängten sich die Passagiere von zwei angekommenen Flugzeugen durch das Nadelöhr Zoll. Ein Formular war auszufüllen: wohin, warum, wie lange der Aufenthalt, die Adresse eines Bürgen einzutragen. Ich hatte nur die Seite Ankunft ausgefüllt, musste also ergänzen und war schliesslich die Letzte. Die Passagiere wurden zwei Mal kontrolliert, das Gepäck lag auf einem Haufen, wo man sich bedienen konnte.

Ich wurde von drei Autoren und dem Fahrer erwartet, dann etwa fünf Stunden im Kleinbus über Holperstrassen nach Czernowitz, weiter auf den Zezyno-Hügel
vor der Stadt, die Strassen nicht mehr asphaltiert, der Busfahrer ein Könner. Der Empfang im Hotel Zezyno auf dem Berg war seit 20 Uhr im Gang, wir kamen Stunden später. Auf den langen weiss gedeckten Tischen noch ein reiches Angebot, aber ich hatte keinen Hunger. Vom Hotel etwas entfernt standen kleine Holzbauten mit Treppen, die zu einfachen Schlafräumen mit kleinem Bad führten. Anfänglich eine Kühltruhe, aber die Verwalterin konnte nach zwei Versuchen die Heizung anstellen.
Neun Uhr morgens das gemeinsame Frühstück in Czernowitz. Wir wurden jeweils im Bus in die Stadt gebracht, zu den Veranstaltungsorten. Zu Lesungen, Empfängen, der Besichtigung des Geburtshaues von Paul Celan. Eine Bronzetafel erinnert an den Dichter. Wir kamen in ein Mietshaus, der Treppenaufgang mit Blümchentapete, erreichten über den geschrubbten Flur den grünen Hinterhof. Auf einer Teppichstange ein Teppich zum Lüften, ein kleiner Bauerngarten, der Übersetzer rezitierte bewegt :" Die Krauseminze, Minze, krause. Vor dem Haus hier, vor dem Hause". Sagte: "Durch diesen Hof fliesst die Seine".

Erste Kurzlesung aller Autorinnen, Autoren, im vollbesetzten Marmorsaal der Universität, mit ihren Übersetzern. Anschliessend Gedränge auf der Terrasse bei Kaffee oder Wein und klassischer Musik. Ich ging zurück und traf im Marmorsaal eine kleine Gruppe, die einem Czernowitzer Juden zuhörte. Max Schickler, ein Jahr älter als sein Schulkamerad Paul Antschel, damals im Vierten Staatsgymnasium, seine Jacke abgewetzt, ein Auge leer, ein ungebändigter weisser Schopf, der in der Sprache der Dichter - der Schlächter - makellos von dunklen Zeiten berichtete. Nach vielen Stationen (Fotoausstellung, Poesieschau, Eröffnung der Videoinstallation "Tempel" ) zurück. Natürlich waren nie alle überall, aber man traf sich wie zufällig, zur holprigen Fahrt auf den Zezyno-Hügel.
Dann wurde die Nacht noch schwärzer, Stromausfall. Ein Blindekuhspiel sein Häuschen zu finden, über regennasse Stufen das Schloss der Türe zu ertasten, das Bett. Später klopfte die Verwalterin und brachte eine dünne brennende Kerze.

Samstag, 4.9.10
Empfang beim Bürgermeister Mykola Fedoruk im Rathaus, im Innenhof ein weissgedeckter Tisch mit üppiger Auswahl an Trinkbarem. Die Fensterreihen ums Geviert sahen zu, über uns der wolkigblaue Himmel als Dach. Besichtigung des Rathauses, das wohnliche Arbeitszimmer des Bürgermeisters, Erinnerungsstücke hinter Glas, seine Erzählungen. Dann über viele Stufen auf den Turm, der klare Rundblick auf die Stadt, ihre Kirchen, Goldkuppeln, das Theater, die Universität, gerahmt von bewaldeten Höhen.
Lesungen im Theater, Besuch des jüdischen Museums, ein Leidensbericht der Kuratorin über die Judenverfolgung im Buchenland, der Bukowina. Weitere Lesungen vor dem Deutschen Haus, jeweils in Deutsch und Russisch, dazu bedrohliches Donnern, aber der Wolkenbruch blieb aus. Theaterperformance nach Paul Celans Gedichten im baufällig gewordenen Deutschen Haus, der Saal überfüllt, viele am Stehen und späte Carfahrt auf den Berg.

Sonntag, 5.9.10
Im Roten Saal der Universität eine Buchpräsentation, der Briefwechsel zwischen Paul Celan und Gustav Chomed: "Ich brauche deine Briefe". Die Historikerin Barbara Wiedemann kam aus Augsburg. Fortsetzung der Lesungen im Kunstmuseum. Gegen 19 Uhr zurück, im Hotel Zezyno meine Lesung mit Sergiy Zhadan, Milena Findeis und Gerhard Falkner und den Übersetzern. Ein voller Saal, viele junge Menschen, die in Bussen auf den Berg geholt wurden.

Randvolle Tage, kurze Nächte, gute Begegnungen wie mit Elke Erb, Milena Findeis, Brigitte Oleschinski, Julian Schutting, Andreas Saurer, Hendrik Jackson.
Nach Mitternacht noch das "Bündel" zu packen, vier Uhr früh weckte mich das Handy, das ich vor kurzem geschenkt bekam. Den drei Autoren sehr dankbar, die mir den Handywecker einrichteten. Er blökte pünktlich, vier Uhr früh, erinnerte an ein Schaf und machte mir Spass. Ich weckte Julian Schutting, eine Treppe höher, er hatte mich darum gebeten, aber habe "kein Auge zugetan".
Halb sechs Uhr die Fahrt nach Lemberg, wunderbar aus der Nacht in den neuen Tag zu fahren. Elke Erb neben mir. Sie spricht sehr gern, man muss aufmerksam sein, was die Dichterin sagt, eigentlich immer schon aphoristisch.
Und der Blick durchs Autofenster in die Weite, Felder, Buchenwälder, am Rand die Karpaten, fein gezeichnet. Viele kleine und grössere Kirchen, immer Goldkuppeln, die Gänse im Gänsemarsch, Strohpuppen auf den Feldern, ich meinte Gesichter zu erkennen. In den Dörfern noch unverputzte Häuser, phantasiereich, verspielt, oft mit Rundbogenfenstern. Anders als hier.

Anders, ja, und sehr eindrücklich das Andere. Die Gastfreundschaft der Czernowitzer, ihr Charme, ihre Gelassenheit. Die schönen gestylten jungen Frauen, die gekonnt in hohen Absätzen über das alte Pflaster gingen, die vielen Bräute in festlichem Weiss und die Klofrau in Lemberg, ihr überliess ich den Rest meines ukrainischen Geldes, liess sie beglückt zurück.

Ingeborg Kaiser


Mit Róża L. in Poznan

Mit Róża L. in Poznan

Schneehelle Wolkenschollen, der Propeller im Morgenlicht ein sirrender Regenbogen, schon flüchtig, ein scharfer Ostwind empfängt die Passagiere in Berlin, fasst mich wie ein alter Freund.

Und wieder die Weite vor dem Zugfenster, das stille Strömen der Landschaft, ein grauer Horizont, das grazile Ballett dreiarmiger Windmühlen. Der mäandernde Strom, grüne Brückenpfeiler, Auen. Grenzwechsel. Baumgruppen wie eine Sippe, die auf das Porträtiertwerden wartet. Die hellen Bleistiftstämme der Birken streng aufgereiht, ihre Wipfel schon rötlichgelb, wehende Schleier im Wind. Die Brandmauern eines kleinen Hauses ziehen vorbei, lange geschwärzt, durch das Rot einer Spraydose wiederbelebt wie meine Erinnerung an feldgraue Heerscharen, den Naziterror, Hitlerwahnsinn. Im Blick ein schmales, rostendes Brücklein, das allem widerstand, nicht nur das Brücklein.

Mit dabei Rosa L., das Buch „Róża und die Wölfe“, biografische Recherchen zu Rosa Luxemburg. Eingeschleust in das Land ihrer Kindheit und Jugendzeit, das die polnische Jüdin, als Angehörige einer Untergrundbewegung während der Zarenherrschaft, achtzehnjährig, über die grüne Grenze verlassen musste. Studienjahre in Zürich. Ihre Dissertation, zur industriellen Entwicklung Polens. 1898 Übersiedlung nach Berlin, der Erwerb der preussischen Staatsbürgerschaft durch die Scheinehe mit Gustav Lübeck. Eintritt in die SPD. Im Juni gleichen Jahres ihre erste Wahlkampfreise nach Oberschlesien. Nach neun Jahren in der Fremde schwärmte sie in ihren Briefen an den geliebten Leo Jogiches, russischer Konspirant und Student in Zürich, von den Kornfeldern, Wiesen, Wäldern, der polnischen Sprache, den polnischen Bauern ringsum. Sie könne sich nicht satt hören an ihren Reden, satt riechen an der hiesigen Luft.

Viel Zeit dazwischen, Róża, ein Jahrhundert der Kriege und mehr. Es gibt kein Ankommen, Bleiben, wir sind Reisende und heute unterwegs nach Poznan. Nahe die Festung Wronki, du weisst, die Kriegsgegnerin in Schutzhaft des Militärs. Gelegentlich der überwachte Arztbesuch in Poznan, der Erwerb von Blumen auf dem Alten Markt, ein Essen im Restaurant statt der Gefängniskost, die dein kranker Magen nicht vertrug.

Gegenüber der Mitreisende, langes, dunkles Haar, schwerer Blick, in ein grosses Heft vertieft. Das handgeschriebene Schriftbild aus Worten und Zahlen lässt keine Deutung zu. Ich werde ihn Grigorij nennen, nach Grigorij R., dem Wanderpropheten mit angeblich hypnotischen Kräften. Von 1907 bis zu seiner Ermordung im Dezember 1916 am Hof des Zaren habe der Machthungrige das Zarenpaar beeinflusst und die Monarchie gefährdet. Zur gleichen Zeit in der Festung Wronki ein kleiner Lichterbaum von Sonja Liebknecht für die Einzelne, Briefe und Päckchen der Freunde und der Besuch Mathilde Jacobs, Sekretärin und Vertraute von Rosa L. Doch beim gewohnten „Spaziergang“ der Mauer entlang, einem Tier im Käfig gleich, habe Rosa L. beim Pfiff der Lokomotive gewusst, dass Mathilde abgedampft sei, und ihr Herz habe sich vor Schmerz verkrampft, dass sie nicht auch fort von hier könne, oh, nur fort von hier! Aber gleich darauf habe das Herz einen Klaps bekommen und kuschen müssen, es sei schon gewohnt zu parieren. Der Wanderprophet, Scharlatan Grigorij Rasputin wird in ihren Briefen nicht erwähnt.

Du könntest im Poznan der Gegenwart dein Poznan von damals erkennen, Róża, mein Hotel in der Wronieckastrasse am Alten Markt, manche Brunnen, das Rathaus, die Laubengänge der Krämerhäuser, das Hotel Bazar am Platz der Freiheit undsofort. Aber keine Aufzählung. Der Ostwind treibt uns zu: „Zu den Freunden“. Ein Gegenpol und Zentrum wissenschaftlichen und kulturellen Lebens in dem von Preussen besetzten Grosspolen, heute eine Bibliothek der Wissenschaften. Das grosse Haus, sein Gartenraum werden vielfältig kulturell genutzt. Im Café die eifrigen Stimmen von Theologiestudenten des ersten Semesters. Bei Hagebutte und hausgemachtem Kuchen könnte ich dir vom Kaiserschloss Wilhelms des II. erzählen, auf dem im Zweiten Weltkrieg die Nazifahne wehte, oder von der Synagoge, die während der Okkupation zur Schwimmhalle umgebaut wurde, ihre Kuppel abgetragen, gekappt. Oder von einer Autofahrt durch den Nationalpark nach Rogalin berichten, verheissend das Licht hinter nebelverhangenen Baumkronen in Herbstfarben. Wir laufen durch eine Kastanienallee wie in eine andere Zeit. Vor uns das barocke, lichtgelbe Magnatenschloss der Grafen Raczynski, ein Gebäudekomplex in Hufeisenform. Die bedeutende Gemäldegalerie belegt ihre internationale Sammlertätigkeit. Hinter dem Schloss ein französischer Garten, der in einen Landschaftspark übergeht. Ich will mir keine Hitlerjugend vorstellen, die dort exerzierte oder Schiessübungen absolvierte. Nahe die Warte, neunhundertsechzig Eichen soll es hier geben und drei sollen über tausendjährig sein. Dein Leben, Róża, endete achtundvierzigjährig durch zwei Kolbenschläge und die Schüsse der Soldaten des Freikorps, stationiert im Hotel Eden, Berlin. Dein Körper über die Lichtensteinbrücke in den Landwehrkanal geworfen und während drei Monaten von Fischen umspielt.

Aber schon sind wir unterwegs zur Adam-Mickiewicz-Universität, in Obhut der Dozentin MG. Im zaristischen Warszawa war der Nationaldichter Mickiewicz verboten, die Gymnasiastin Rosa L. las ihn heimlich mit Gleichgesinnten. MG trägt ein schwarzes, kleidsames Hütchen, die tiefblauen Augen sind klar auf ihr Gegenüber gerichtet. Ich fühle mich in ihrer Gesellschaft sehr wohl. Durch ihre hartnäckige Vermittlung und wache Neugier ist die Schweizer Literatur im Gespräch und nicht ein Exotenprogramm für Wenige. Uns erwartet ein vollbesetzter Raum mit Studierenden, als könnte Rosa Luxemburg wie bei ihren politischen Auftritten noch immer die Säle füllen.

Sei nicht enttäuscht, Róża, dass du in deinem Geburtsland nicht gleich erkannt wirst, wenige von deinem Leben wissen, sich dafür interessieren. Noch immer scheint dein Platz zwischen allen Stühlen dir angemessen zu sein. Vom heutigen Standort aus zu verstehen und aus deiner Biografie ableitbar. Ich versuche den Studierenden die junge Rosa L., die erfolggewohnte Politikerin, Internationalistin, die Kriegsgegnerin und ihr gewaltsames Ende näher zu bringen. Und wer kann von der Poetin, Wissenschaftlerin, Malerin oder der Liebenden wissen, die sich mit einem gewöhnlichen Kater verglich, der es möge gestreichelt zu werden und andere zu streicheln? Und die an Luise Kautsky aus dem Berliner Weibergefängnis schrieb, dass sie nur aus Versehen im Strudel der Weltgeschichte herumkreisle, aber eigentlich zum Gänsehüten geboren sei?

Doch könnte es sein, dass die aufmerksam Gewordenen in den poetischen Briefen aus dem Gefängnis Wronki an Sonja Liebknecht zu lesen begännen.

Bei den Begegnungen mit den ernsthaften, liebenswürdigen Studierenden der Adam-Mickiewicz-Universität und am Collegium Europeum (UAM) in der Piastenstadt Gniezno erlebe ich manche poetische Momente. Eine beglückende Erfahrung, dass die Studierenden in meiner Sprache wie zuhause sind, wir unter dem gleichen Wortdach via Sprache uns näher kommen.

Polen ist ein Land der Poesie und des Widerstands. Der Raum der Phantasie immun gegen die Sprachen der Macht.

Auf der Rückreise von Gniezno, im schönen Gespräch mit MG. Kleine Bahnhöfe, Scherenschnittbäume, Skulpturen gleich. Langgezogene Wolkendrachen mit Lichtzungen, ein Friedhof. Bei den dunkelnden Grabsteinen die Lichter für die Toten. Es beginnt zu novembern. Die Zugtür klemmt, hindert am Aussteigen. Der Dom von Poznan angestrahlt, mir schon ein vertrautes Bild. Und fernnah eine jiddische Weise, die mich anrührt. An unseren Besuch der Ausstellung im Kloster der Jesuiten erinnert. An Bilder mit jüdischen Motiven, einen Namen wie Masluszczak, den ich nicht aussprechen kann, aber dessen Bildersprache ich verstehe. Die drei kleinen Bilderzählungen im Holzrahmen von Bruno Schulz entdecke, dem expressionistischen Dichter von „Zimtläden“. 1942 seine Ermordung durch die Gestapo. Wieder sind Gegenwart und Vergangenheit verwobene Zeit. Von der Decke des hohen Klosterraums fallen glashelle Plastikwände mit farbigen Schriftzeichen. Elf beschriebene Wände, dazwischen die Korridore für den Betrachter. MG macht mich auf den Text des Paternoster in elf Sprachen aufmerksam. Nur das Wort „Amen“ ist identisch geblieben.

Wieder am Bahnhof mit MG, statt anzukommen mein Abschied. Der Morgen sonnenhell wie meine Erinnerung an Poznan. 

Ich danke Frau Dr.Margarete Grzywacz und der Adam-Mickiewiez-Universität, Poznan für die Einladung und ihre Gastfreundschaft. Danke der Stiftung PRO HELVETIA für die Unterstützung meiner Reise. Grüsse herzlich die Dozenten, Studentinnen und Studenten, denen ich begegnen konnte. Ingeborg Kaiser

 

Katzengedichte, Textauszug

Lyrische Notate für eine Katze

geflügelt

könntest du
fliegen katze
auf den winterbaum
vor meinem fenster
würden wir uns
grüssen katze du
ins zimmer
schauen wie am
letzten morgen
katze still dein
abschiedsblick
flieg nicht zu
hoch zu weit
katze der wind
jagt die kronen
deine flügel noch
jung 

(aus „matou“, Gedichte)

 

Alvas Gesichter, Textauszug

Es sind Wolken, nichts als Wolkenberge, sage ich, kein Himalaya und nicht die Berge von Shinshu mit Narayama, dem Opferberg, zu dem man siebzigjährig pilgerte, wie es der Brauch gebot, um allein zu sterben, den Nachrückenden seinen Platz am Tisch freizugeben. Nichts als Wolken, von Regen trächtig, sage ich, der grosse, zusammengerollte Körper im Windschatten der Terrassentür nur ein rostender Blätterhaufen. Und die Knochen auf der Terrasse keineswegs Reste eines kannibalischen Gelages, sondern die leeren Schalen der Esskastanien, die der Siebenschläfer räuberte. Nur das Gesicht ist ein Gesicht, das aus dem verzweigten Stamm des Feigenbaums wächst, ein freundlichrundes Frauengesicht, altes Wissen im Blick, um den stillen Mund. Das gezöpfelte Haar, zu Schnecken geformt, verdeckt die Ohren, aus dem Schädel treiben Haaräste. Ich mag das Gesicht und denke mir eine Baumfrau, die sich von hier nie entfernt, die Bewegungen des Windes, des Baumes mitlebt, die Winter oder Sommer vorbeiziehen lässt. Doch wir sind flüchtig, sage ich, als sei da ein Gegenüber, sind glücklose Fremde, die nirgends ankommen und auch sich verpassen. Wir sind unfertig in die Schöpfung geraten und werden sie unfertig wieder verlassen. Die Schöpfung braucht uns nicht, sage ich, oder?

(aus „Alvas Gesichter“, Roman)

 

Die Städte und du

die städte und du

strudel in wien

vielleicht wien und
sicher januar im
fenster des trödlers der
dezember ohne nadeln auf
dem gerippe ein vogel sein
silberlied mischt sich
in das kratzen der
schneeschaufeln vor sechs
vielleicht umarmt mich ein
traum ecke strozzigasse wartet
der doppelstöckige bus
ich warte auf meine
schritte sie sind durch
den torbogen verschwunden im
trüben licht numerierter
stiegenschluchten verhallt der
portier rostet verbeult aus
seinem mund ragt ein draht die
augen sind lochkarten ohne
daten gibt es mich nicht
ohne namen adresse küss die
hand vielleicht bin ich in
dem wintergedicht gleich kommen
schritte treffen andere schritte gleich
fährt zum bus zum südbahnhof oder
westbahnhof vielleicht in wien
monarchisch
der himmel spiegelt den frost
schattenlos über
morgenhäusern ecke strozzigasse
josefsstädterstrasse hängt die
fleischersfrau im schaufenster am
fleischerhaken und blutet
aus bekleidet mit
einer lammfellmütze vielleicht
hat sie mit dem
hackbeil geschäkert sie kann nicht
mehr verraten wieviel
vom rosenpaprika wieviele esterhazy
wo fände ich meine zeit gegenüber
das hotel weisser hahn eine
grille narrt die gäste knabbert an
rosentapeten und zirpt gleich
kommt der kammerjäger erschiesst
die grille vielleicht auch
die rosen
nocheinmal schritte der
verschlag des portiers ist
verwaist sind es
meine schritte die
steintreppen scheinen ohne spuren
das parkett im appartement dreizehn
liegt faltenlos jetzt
wünschte ich ein grillenlied für
blosse füsse die
zeit verweigert sich vielleicht
in wien liege ich ordentlich
gefaltet in einer lade
appartement dreizehn das
sofa in der farbe von mohn die
kerze sonnenhell die rose
irgendwo zuhause sein
einen dreivierteltakt lang
zuhause die
frostschaufeln kratzen ecke strozzigasse
ich habe ein schneegesicht im
burggarten narbt es die krähe die
barocken paläste geben sich maskiert
die menschen
im kaffeehaus quillt verwesung
unter rahmperücken vor wie
war gleich der hübsche name
liebe oder tod
die steinfrau lächelt ihre
blossen brüste von stimmen
liebkost kann es
mitternacht sein wo
finde ich meine zeit splittert sie
der frost in kleine münzen zu
wenig um eine rose zum
blühen zu bringen vielleicht in
wien umarmt die liebe den
tod endlich ein schneereigen der
kammerjäger tanzt mit
einer fleischersfrau im
wienerwald soll ein
knusperhaus stehen vielleicht
sitzt hänsel noch immer
im käfig der hans gibt es
kein ende muss es sich
weiterdrehn

mein berlin

mein berlin ein dorf
unter dörfern mit kirche
und glocken eingegrünt das
kutscherhaus im zweiten hinterhof
bitte klopfen der schatten
gehört dem kutscher und
manchmal das klagen
im wind und
das gelächter aus dem
tümpel wo der frosch
auf eine junge trümmerfrau
hofft kein märchen
auch kein gedicht mein
berlin ein spiegel
der die gesichter löscht
und treiben im sand getriebensein
mein berlin
gibt es nicht im
u-schlund die menschentierchen
befördert durch die zeit
die knie des kleingeborenen
zum körper geholt seine
altgewordenen hände blättern
vorsichtig in der sprache der stempel
mein berlin die schöne
im kadewekorsett „mehr
wohlstand statt sozialismus“
lebenscocktail für nekrophile
mehr sattheit für mehr tod die
mauer nun handlich mit
echtheitszertifikat mein
berlin der hase auf dem
alexanderplatz schlägt haken
zur landschaft fontanes
und manchmal die stille
am lautesten in berlin die
himmel höher als anderswo
gewaltiger das mäandern
und näher mein kindsein
berlin eine
metapher mehr zeitweise
darin eingerichtet bewohnt
atem geholt im dorf
unter dörfern

 

Der Weihnachtsengel

Der Weihnachtsengel oder 24 Tege im Dezember

1.12.
Im Zimmer mit den Büchern, wo manchmal Elias Bettchen steht, traf die Oma einen richtigen Engel. Er heisse Elia, sagte der Engel, sei von weither geflogen, und suche den kleinen Jungen Elia.

„Ruhe dich aus“, sagte Elias Oma, „dann sehen wir weiter.“

Und schon schlief der Engel Elia im weissen Hemdchen, das ihn bis zu den Füssen deckte. Und leise freute sich die Oma auf das Erwachen des Engels Elia mit strohblonden glatten Haaren, der auf der Suche nach Elia mit den dunklen Kraushaaren war.

2.12.
Die Oma war nicht sicher, ob der Engel wirklich im Bücherzimmer schlief oder nur kurz aus einem der Bücher gepurzelt war, und so schaute sie anderntags vorsichtig durchs Schlüsselloch, wie sie als Kind nach dem Christkind im Weihnachtszimmer spähte. Sie drückte ein Auge zu, sah also einäugig durchs Schlüsselloch den Engel Elia, der eben gähnte und uaaah sagte. Die Oma klopfte und der Engel öffnete die Tür.

„Guten Morgen, Engel“, sagte sie, etwas verwirrt über den strohblonden Engel, oder war er gar kein Engel, wer hat schon mal einen richtigen Engel gesehen? Und dann dachte sie, der Engel müsse zuerst beweisen, dass er ein Engel sei, bevor sie ihm sage, wo ihr kleiner Elia mit seiner Mama wohne.

3.12.
Der Engel lächelte vergnügt, denn er hatte schon erraten, was die Oma dachte, schliesslich war er ein Engel, und sagte:

„Nun bist du eine Oma und hast noch immer keine Ahnung von Engeln.“

Die Oma setzte ihre Brille auf und sah im gleichen Augenblick, dass dem Engel zwei Flügel wuchsen, im strohblonden Haar ein Haarreif glänzte und um sein Hemd ein silberner Kragen lag.

„Guter Engel!“, rief sie erstaunt und der Engel machte einen Kopfstand, als wollte er alles auf den Kopf stellen, natürlich auch die Oma.

4.12.
Der Engel also kopfüber und sein Hemd von den weiten Flügeln gehalten wie ein umgedrehter Regenschirm, dass die Oma lachen musste, bis ihr Lachtränen kollerten und der Engel zauberartig auf seine nackten gepolsterten Füsse zu stehen kam.

„Himmlisch!“, rief die Oma, und der Engel sagte, dass er Hunger habe.

„Aber was essen Engel?“, fragte die Oma, „kannst du mir das bitte verraten?“

5.12.
„Engel, die man sehen kann, sind schon sehr lange unterwegs“, sagte der Engel, „sie kennen alle Länder, das Meer, die Schneeberge, Sandwüsten und sie essen, was die Menschen essen, die sie beschützen.“

„Auch Würstchen?“, staunte die Oma, „oder Spaghetti oder Pfannkuchen?“

„Wir essen nicht wirklich“, sagte der Engel, „wir sehen beim Essen der Menschen zu und werden davon satt.“

„Oh!“, sagte die Oma und dachte im Stillen, dass es wichtig sei, was und wie die Menschen essen, damit es dem Engel nicht vom Zusehen übel werde.

6.12.
Liebevoll stellte die Oma auf, was sie vorrätig hatte, und Engel Elia freute sich über das Kerzenlicht und die weisse Rose wie der kleine Elia, wenn er seine Oma besucht. Sagte dann:

„Elia braucht einen guten Engel.“

„Gibt es denn auch böse Engel?“, fragte die Oma.

„Es braucht die bösen Engel“, sagte Elia.

„Und das soll ein Mensch verstehen?“, meinte die Oma und sah, dass der strohblonde Engel kohlendunkle Augen bekam und sein Reifen im Haar ein paar Roststellen hatte.

7.12.
Sie nahm die Brille und musterte den Engel namens Elia gründlich, dann sagte sie streng: „Bist du nun ein guter oder ein böser Engel?“

Der Engel lachte und lachte und es klang, als würde jemand auf der Harfe eine Geschichte erzählen, und es machte die Oma leise froh.

8.12.
„Meine Frage war dumm“, sagte die Oma, „das passiert eben, wenn man jemanden sehr lieb hat.“

Nachdenklich, den Kopf aufgestützt, sah der Engel zur Oma und sagte: „Zeichne mir ein Zebra.“

„Ein Hase wäre einfacher“, sagte die Oma, wollte aber den Engel nicht enttäuschen und zeichnete als Erstes den Schwanz des Tieres, da begann der Stift wie von allein fortzufahren und schon bewegte sich ein schönes schwarzweiss gestreiftes Zebra an den Rand des Blattes.

9.12.
Schnell zeichnete die Oma einen Zaun um das Zebra und der Engel schaute sehr verwundert.

„Es könnte über den Tischrand purzeln und sich weh tun“, meinte sie, aber eigentlich plante die Oma etwas anderes.

„Du willst das Zebra für Elia behalten“, sagte der Engel.

„Wäre das denn schlimm?“, fragte die Oma.

„Frag das Zebra“, sagte der Engel, und die Oma sah das kleine Zebra traurig am Zaun stehen.

10.12. „Ich will es wieder gutmachen“, sagte die Oma, „ich werde dem Zebra ein passendes Zebrahaus zeichnen und einen Zebrateich, auf dem Zebraenten quaken, einen Zebrabaum mit munteren Zebravögeln, darüber eine Zebrawolke und noch ein lustiges Zebra, das das traurige Zebra gewiss zum Lachen bringt.“

11.12.
„Warte“, sagte der Engel, aber schon nahm die Oma den Bleistift und begann ihr Zebraparadies zu zeichnen oder besser: sie wollte es zeichnen, doch was sie auch anstellte, aus dem Bleistift kam kein einziger Strich auf das Papier.

„Donner!“, rief die Oma, und es klang kein bisschen böse, mehr wie eine Frage.

„Die Erde ist ein wunderschöner bunter Ball“, sagte der Engel, „wenn du alles nur schwarz oder weiss siehst, bist du wie farbenblind.“

12.12.
Das gefiel der Oma gar nicht, auch das Zebra stand noch immer traurig am Zaun und erinnerte die Oma an das Laufgitter und Elia, dem es, trotz Tierzoo, vielem Spielzeug und Bilderbüchern, kein bisschen behagte, von Stäben eingegrenzt zu sein. Entschlossen nahm sie den Bleistift und schon begann er über das Papier zu kringeln, zu tanzen - schon war der Zaun verschwunden.

„Und jetzt?“, fragte die Oma den Engel, „was wird aus dem Zebra?“

13.12. Glücklich scharrte das kleine Zebra mit seinen Hufen, tänzelte vor der Oma, als wollte es Abschied nehmen, galoppierte über den Tischrand, ohne abzustürzen, geradenwegs weiter und verschwand in der Bücherwand, so rasch, dass die Oma nicht einmal tschau, tschüss oder sonst was Nettes sagen konnte. Sie wurde sehr traurig wie vorher das Zebra und ebenso froh, weil das Zebra nicht mehr traurig war, und dachte dann, dass es wohl gerade so recht sei.

14.12.
„Nun ist das Zebra auf seinem Märchenweg“, sagte der Engel.

„Was ist ein Märchenweg?“, fragte die Oma.

„Man braucht Märchenaugen, um ihn zu erkennen“, sagte der Engel.

„Und wer hat Märchenaugen?“, fragte die Oma.

„Das Zebra, du, Elia alle kommen mit Märchenaugen auf die Welt.“

„Wo habe ich dann meine bloss hingeschusselt!“, sagte die Oma und begann in allen Schubladen zu stöbern.

15.12.
„Aber Oma“, sagte der Engel, „hast du keine Augen im Kopf?“

„Doch, sogar Adleraugen“, sagte sie, „aber den Märchenweg sehe ich trotzdem nicht.“

„Als Kind bist du ihn oft gegangen“, sagte der Engel.

„Lass mich nachdenken“, sagte die Oma, schloss die Augen und sah plötzlich mehr als mit offenen Augen.

„Hallo“, sagte sie und strahlte über das, was sie sah.

16.12.
Der grosse schwarze Hund rannte bellend auf die Oma zu, und freute sich wie sie über das Wiedersehen. Sie streichelte sein dichtes langes Fell, das weisse Brüstchen, er drückte seinen schmalen Kopf an ihre Beine und gab ihr seine grosse Pfote.

„Du lieber schöner Timi-Hund“, sagte sie, „Elia und seine Mama, wir alle vermissen dich noch immer.“

Zart streichelte sie sein Gesicht und wie früher schloss er dabei seine Hundeaugen mit den langen Wimpern. Und es war nicht klar, wer von den beiden glücklicher war.

17.12.
Schläfrig geworden, trottete Timi zum Stammplatz in der Garderobennische und wollte sich einrollen. Im gleichen Augenblick kam ein braunes Katzenpfötchen durch die Wand und versetzte Timi einen Streich auf die Backe, aber es war mehr ein Streicheln als ein Schlag, denn die Krallen blieben eingezogen. Dann zeigte sich das geheimnisvolle Gesicht einer Siamkatze mit tiefblauen Augen und tigergleich sprang sie auf Omas Schulter, schnurrte wie eine Nähmaschine und drückte das Fellgesicht an die Backe der Oma.

„ Sehr lieber Chico“, sagte sie und kraulte die Katze, „lieber einziger Chico, du und Elia würdet euch gut verstehen.“

18.12.
Sie nahm ein grosses weisses Taschentuch, schnäuzte und rieb sich die nassen Augen. Als sie wieder klar sehen konnte, waren Timi und Chico verschwunden.

„Oh“, sagte sie, „was für ein schöner Traum, die Katze hockte auf Timis Rücken und friedlich trabten sie weg.“

„Es war kein Traum“, sagte der Engel, „du warst auf dem Märchenweg.“

„Da möchte ich bald wieder hin und vielleicht kommt Elia mit.“

„Mit Märchenaugen kinderleicht“, sagte der Engel, schwebte kopfüber zur Decke und rief: „Erzähl’ ein wenig von Elia, bevor ich mich auf den Weg mache!“

19.12.
Die Oma holte tief Luft und ähnelte so aufgeblasen einem Luftballon, sagte dann:

„Elia hat schon zwei Mal Geburtstag gefeiert und ist kräftiger als Gleichaltrige, grösser, gescheiter, schöner, zorniger, lieber, lustiger, heller, dunkler, phantasievoller, gründlicher“, wieder holte die Oma Luft, erzählte von Elias samtenem Plappermäulchen, das den ganzen Tag singe und spreche und wie ein Fieberthermometer nach oben oder unten zeige, von kirschdunklen Augen und Rhythmus im Blut, dass sich Elia im Takt der Musik bewege, ringelum tanze und sein Papa, der überm Meer wohne, ein Tänzer sei. Dann stockte die Oma, als habe sie einen Knödel im Mund, da schnarchte doch jemand so laut wie eine Säge, sägelaut, Elia? Ja, es war der Engel Elia, der noch immer kopfüber im Zimmer schwebte.

20.12.
„Und so ein müder Engel will Elia behüten?“, zweifelte die Oma, nahm den Apparat und blitzte den Engel an. Schon stand er neben ihr und sagte:

„Du kannst keinen Engel fotografieren, auf dem Bild wird nichts zu sehen sein.“

„Verzeih“, sagte die Oma, „ich habe wenig Erfahrung mit Engeln.“

„Das ist menschlich“, sagte der Engel mild.

Gerne hätte die Oma das strohfarbene Haar des Engels berühren oder die Rosttupfen auf dem Haarreifen polieren wollen, aber ob das einem Engel gefiele? Der Engel lächelte, lachte, als würden tausend Glöckchen schlagen, und sein Reifen im Haar funkelte schöner als die Sterne am Nachthimmel.

21.12.
Still bestaunte die Oma den Engel Elia und sagte:

„Mit dir ist es wie im Märchen.“

„Wünsch dir was“, sagte der Engel.

„Ein Häuschen auf dem Land und viele Tiere ums Haus für Elia.“

„Zaubern kann ich nicht“, sagte der Engel.

„Das macht nichts“, sagte die Oma, „was Elia will, schafft er auch ohne Zauber.“

„Lass ihm Zeit“, sagte der Engel, „er ist noch so klein.“

„Omas haben keine Eile“, sagte sie, „und sind auch nicht von gestern.“

22.12. „Noch zwei Nächte, dann ist Weihnachten“, sagte der Engel, und seine Hände bewegten sich fein, als sei da eine unsichtbare Harfe, ein Kontrabass oder sonst ein Instrument, auf dem er eben spielen würde. Bezaubert horchte die Oma auf die wundersamen Weisen, die sie wie sanfte Träume umschmeichelten. Und träumend sah sie den Engel über die sternhelle Winterstadt fliegen und das St.-Johanns-Tor, sah ihn auf Elias Balkon landen. Es machte die Oma ansteckend froh, doch als sie aufwachte, war der Engel verschwunden.

23.12.
Ein wenig traurig suchte die Oma nach dem Engel und bemerkte goldhelle Fussspuren, die über den Boden liefen und weiter der Bücherwand entlang, sich dort verloren.

„Schlingelchen!“, rief die Oma, „komm, zeig dich wieder, morgen kommt das Christkind und die Engel singen ihr Wiegenlied für das Kind in der Krippe im Stall, für Maria und Josef, Ochs und Esel, die Hirten, die Schafe auf dem Feld. Und auch hier brennen dann die Kerzen am Baum für Elia und uns alle, und es riecht nach Honig und Zimt.“

Doch blieb es still, vielleicht war der Engel Elia auf dem Weg zu Elia? Weihnachten ist voller Geheimnisse, dachte die Oma und liess es dabei.

24.12. Die Dächer weiss bepudert, alle Sterne am Funkeln, feierlich golden der Mond. Alle Tiere draussen und drinnen, im Zoo, Stall oder Haus still am Warten. Die Raben und Sperlinge, der Uhu mit runden Goldaugen auf dem Winterbaum, sogar die Äffchenhorde zusammengedrängt am Lauschen.

Es war der Christabend, die Nacht, in der alle Tiere sprechen dürfen und alle Menschen, kleine und grosse, von kleinen und grossen Schmerzen durch das Christkind wie erlöst sind. Viele Herzen öffneten sich in dieser stillen Nacht wie die Tür am Weihnachtszimmer, waren für eine Weile vogelleicht am Hüpfen, Schweben und in Frieden mit allem, was lebt.

In den dunklen Augen Elias spiegelten sich die Lichter der Kerzen und beinah hätte die Oma vor Rührung geweint, aber das Tausendglöckchenlachen von der Spitze der Weihnachtstanne perlte wie ein silberheller Wasserfall in die Stube und brachte alle zum Lachen.

„Fröhliche Weihnachten!“, rief die Oma und blinzelte Elias Engel zu, der auf der Tannenspitze schaukelte und gähnte.

 

Eingeschleust

EINGESCHLEUST

Zwischen importiertem Hausrat sass die importierte Frau und beschaute durch ein Fernrohr die Gegend, von jedem Fenster aus eine andere, ohne etwas zu bemerken, was sie nicht erinnert hätte, ohne etwas Verrücktes zu sehen, etwas Ausserordentliches, etwa eine Giraffe auf dem Hausdach oder Menschen mit Flügeln oder eine Rose im Schnee, nichts dergleichen kam ihr vor, keine Wildnis, keine Weite, in die sie fallen könnte, es gab Ränder, Wege, Ufer, es war ein zivilisiertes Land mit zivilisierten Menschen, soweit sie sehen konnte, mit vielen Häusern, Strassen, Schienenwegen, Bergen, Brücken, Seen auf so kleinem Raum, dass es unmöglich schien, in die Irre zu gehen, vielleicht in den Warenmärkten, Bankokratien, die mit und ohne Fernrohr ungeheuerlich schienen, doch bald hatte sich die importierte Frau eingerichtet im Eiland der Satten, Sicheren, fror es sie, stellte sie die Heizung grösser, Winter oder Sommer, das funktionierte reibungslos, die Komfortmaschinen, Profitmaschinen, Reinigungsmaschinen, die Ordnungs- und Zeitmaschinen waren intakt, pausenlos, meinte die importierte Frau und begann ein Arbeitsprogramm aufzustellen, mit dem sie jeden Tag in winzige Einheiten teilte, zersplitterte, mit Fleiss bewältigte, damit den landesüblichen Gewohnheiten näherkam, wie sie meinte, wenn sie sich in ihre Pflichtenmühle trieb, bei Hundstagshitze ein Kellerfenster putzen ging, eine Terrasse ordentlich mit Seifenlauge schwemmte, weil es notiert stand, vorgezeichnet für den Tag, den sie am Ende abhaken, ablegen konnte wie alle Tage, unbemerkt, nur ihre Müdigkeit als Gewinn, eine importierte Frau, ausgesteuert, isoliert vom Arbeitsmarkt, eine Familienfrau mit Aufenthaltsbewilligung, die eine Arbeit ausser Haus nicht erlaubte, sie ins Küchenreservat bannte, wo sie Tellerchen füllte und Bettchen wärmte, falls sie nicht gestorben ist, füllt und wärmt wie viele Inselfrauen, aber importiert, ohne das Markenzeichen „Schweiz, svizzera, suisse“, was sie als Makel empfand, sobald sie ihre Drei-Zimmer-Klause verliess, die Abwehrmechanismen der einheimischen Insler erfahren musste, falls man Insler sagen kann, irgendwo das Bild einer Insel stimmt, vielleicht weiss die importierte Frau mehr darüber, wenn sie anfängt zu sprechen, über ihre kleinen Aengste berichtet: den Mund aufzutun und sich mit dem ersten Wort als importierte Frau erkennen zu geben, gleich hätte sie die Fremdheit gespürt, wären die Jalousien heruntergegangen, die Gesichter hinter den Jalousien verschwunden, wäre die importierte Frau durch schmale Schlitze gemustert worden, wenn sie sich der Oeffentlichkeit aussetzte, ihr Kind aus einer fremden Garageneinfahrt zog, gleich wäre ihr Argwohn entgegengekommen, Befremdlichkeit gegen den Eindringling, Verwilderung nennt es die importierte Frau, das war später, sehr viel später, als sie mit ihrer Katze an der Leine durch ein Bündner Idyll ging, wieder sich beobachtet fühlte, taxiert, nannte es „Verwilderung beim Umgang mit Besitzlosen“, den Zwang radikal abzuwehren, was den Besitz durch Eindringlinge, Einbrüche gefährden könnte, obwohl es komisch bleibt und unwirksam, und wer sein Fernrohr zu Hilfe nimmt, bemerken muss, dass jede Absicherung, Abgrenzung illusorisch ist, die Kühltürme auch schweizerischen Horizont aufreissen, Umweltseuchen übers Land kriechen und ganz allgemein die Menschheit sechzehnkommafünfmal vernichtet werden kann, die Inselallüre nur noch den Schläfern dient, die sich gerecht nennen, bis sie unsanft erwachen, zur rechten Zeit, hofft die importierte Frau und blendet zwanzig Jahre zurück, berichtet von ihrem zunehmenden Mangel, von Sprachlosigkeit und Sprachverlust, vom langsamen Stummwerden, Abinseln ins Schweigen, lernte gleichzeitig neutral zu lächeln, sich mit Mimikry gegen ihre Umwelt zu tarnen, schien sich anzupassen, aufzugeben, mit der Sprache sich zu verlieren, auszulöschen in der Anonymität einer schweigenden Mehrheit, in der es eine Ordnung, ein Recht, eine Lebensweise gab, immer neue Verbotstafeln den Freiraum der Toleranz besetzt hielten, die importierte Frau erzählt von Chaletferien im Land, von Feigenbäumen und Schweizer Mäusen, Riesengeranien, Röstipfannen, Raddampfern und Höhenfeuern, von Bergwänden, die sich langsam gegen Häuser schieben, vielleicht eines Tages in Stuben brechen, in Städte, vom Lautgeprassel aus Manövergewehren, das sich zwischen Bergwänden fortsetzt, Bilder des Krieges beschwört, trockenes Geballer, Donnern, die dumpfen Antwortgarben vervielfacht, ein Dialog der Gewalt für die importierte Frau, die Sprache, die sich auch gegen die randalierenden Söhne und Töchter durchgesetzt hat, mit Gummigeschossen, Knüppelschlägen, Gasgranaten die steinerne Ruhe und Ordnung wiederhergestellt hat, was heisst da schweigende Mehrheit? nach Musil löst sich der Landesbewohner in Charaktere auf, in einen Berufs-, einen National-, einen Staats-, einen Klassen-, einen geografischen, einen Geschlechts-, einen bewussten, einen unbewussten und vielleicht auch noch einen privaten Charakter, in viele Rinnsale, die in eine ausgewaschene Mulde sickern, und er ist eigentlich nichts, die importierte Frau kam auf die komische Idee, die Bewohner mit Inseln zu vergleichen, ein Set aus vielen Inseln, ineinandergepackt, die jenes Eiland ergäben, doch verbliebe ein Vakuum, ein Hohlraum von Insel zu Insel, der die Verständigung verunmöglichte, aber das ist wohl übertrieben, jedenfalls nicht beweisbar, und die importierte Frau beschränkt sich besser auf ihre eigene Biografie, den zunehmenden Verlust ihrer Sprache in der Isolierung, scheinbar unabänderlich, dass sie im alten Land als verschweizert galt, von Helvetismus unterwandert, „die Schweizerin“ genannt wurde, im neuen Land, lange Zeit, weder privat noch politisch eine Stimme hatte, die importierte Frau blieb, sich nirgendwo mehr zugehörig fühlte, eine Nomadin ohne ein anderes Ziel, als unterwegs zu bleiben, in Bewegung, nicht weiter abzusterben, in keinem Lager angesiedelt, in keiner Wirklichkeit als der ihren, die sie Wort für Wort zu erschreiben suchte, um mit Kassibern nach aussen die Enge zu überwinden und mit der Zeit ein paar Gesichter erreichte, einen Dialog begann, von Insel zu Insel, der andauert bis heute, imaginäre Heimat der importierten Frau, ohne Regeln und Grenzen, Scheiterhaufen und Dogmen, während der Zeitgriffel tausendfach das Bild der Insel Schweiz ritzt, zu Recht seine Legende unlesbar gemacht hat.

 

Die Nomadin

Die Nomadin

Er ist tot. Ein Jahr hat sie hingewartet. Jetzt weiss sie, dass er tot ist. Deswegen ist sie ja da, wo sie ist.

Wenn sie da ist. Der Koffer steht da, neben dem Korbstuhl, ihr Koffer. Sie muss nicht auf den Anhänger mit der Adresse schauen, obwohl es viele Koffer von gleichem Aussehen gibt. Sie hat ihn drei Tage vor der Geburt des Kindes gekauft. Echtes Leder, nicht hart, mit Stofffutter. In diesen Koffer packte sie eine Erstlingsgarnitur, weisse Hemdchen, Jäckchen, Häubchen und die Windeln. Gute Qualität. Auch der Koffer. Etwas gross für die paar Tage, Nachthemden, Morgenrock und der Waschbeutel mit verschiedenen Cremen. Eitel war sie immer, eine Wöchnerin ist ja nicht krank, sie wollte immer gut aussehen, gut kochen, gut sein, gut, gut.

Der Sohn wurde zu früh geboren, war eine Frühgeburt. Zu früh geboren worden, zu früh gestorben worden. Nicht irgendwo in der Dritten oder Vierten Welt, hier, über der Strasse, unweit von ihrem Küchenfenster, bei einem Schusswechsel, sagen sie, er stand vor dem Geschäft mit den geschlossenen Rollläden.

Zwanzig Jahre ist der Koffer alt und etwa fünfzig Zentimeter hoch, die Grösse soll ins Cockpit erlaubt sein, aber sie ist jetzt, wo sie ist oder will dorthin, wohin? Die Adresse auf dem Koffer stimmt nicht mehr, sie hat keine andere als diese Adresse, aber sie will sich kein Frühstück in dieser Küche vorstellen, wo sie vom Fenster den Jungen sah, zusah, ihn nicht erkannt hat. Bretter nützen da wenig, das Fenster mit Brettern zu vernageln, löscht nicht das Bild hinter ihren Augen. Nichts löscht das Bild.

Einer an der Wand, einer, der schiesst, und ein Mann, der dabei sein Auto wäscht. So was passiert alle Tage, kennt jeder irgendwie. Der Arzt schüttete Pillen, verschiedener Farbe und Form, in ihren offenen Mund, aber es kam ohnehin kein Ton mehr. Pillen, die Wirklichkeit ertragen lassen, die betäuben, vernebeln. Sie würde nicht mehr nach ihrer Seele suchen. Von ihrer verlorengegangenen Seele sprechen mit dem Arzt, und sich vorstellen, dass diese an einem Stachelzaun hänge, vielleicht friere, ohne das beweisen zu können. Aber, wo sitzt eine Seele, in welchem Organ, wie schwer ist sie, kann der Verlust sein?

Zwei Gramm schwer, sagt der Arzt, käme er wieder ins Zimmer, aber sie wäre nicht da, hat das Zimmer mit ihrem Koffer verlassen. Der Korbstuhl ist ein Zwischenhalt, eine Unterwegsstation, ein grauer Korbstuhl schimmelgrau, angeschimmelt von Jahren in der Klinik, aber nicht kaputt, noch lange nicht, mit etwas Farbe wäre er herzustellen, wieder neu, Dinge sind zäh, überdauern oft ihre Besitzer, ihre Zeit. Sie geht nicht in Trödlerläden, wo die Zeit im Gerümpel hockt, sich stapelt, ein Panoptikum an verlorener Zeit, dessen Anblick sie nicht mehr ertragen könnte, dass sie Amok liefe gegen die Dinge, natürlich ohne Erfolg. Sie hätte nicht in den Korbstuhl sitzen sollen. Er hat sie müde gemacht, schlapp, bevor sie die Station verlassen hat, unbemerkt, über den langen Gang zur Treppe und durch die Halle, rechts die Sitzecke, linkerhand Kiosk, Pförtnerkabine, zum Ausgang. Sie möchte nicht mehr denken, voraus- oder zurückdenken lähmt sie gleichermassen. Der Weg aus der Klinik dehnt sich dabei und die Welt vor ihrem Fenster wird zu gross, dahinein passt sie nicht mehr, und was bliebe ihr dann? Die Schlafkur schützte nicht vor dem Erwachen, dem Wachwerden, dem Wissen, dass er tot ist. Sie will es behalten, ihre Trauer aushalten. Die Pillen hat sie ins Klo geschüttet, versenkt.

Was sonst könnte sie ihm zuliebe tun? Ein Lieblingsgericht kochen, er hatte viele Lieblingsgerichte, sie kochen, hineinwürgen und wieder kochen oder backen, für ihn eine Kochmesse zelebrieren, verrückt. Er soll tot sein, unter der Erde liegen, bei seinem Begräbnis war sie hier, eingeliefert, ihre Stimme herausgeschrieen, ausgeschrieen.

Vorher hätte sie schreien sollen, lange zuvor, als es anfing zwischen den Beiden, dem Mann und dem Sohn, wegen komischen Kleinigkeiten, immer nur Kleinigkeiten. Sie hat sich eingemischt, natürlich konnte sie nicht still sein, wenn der Mann und der Sohn kindisch tun. Das hat sie gesagt, ausgesprochen, wie man kleine Buben schimpft, die doch nicht hören werden, schonungslos ihre Revierkämpfe austragen. Sie konnte es nicht verhindern hat machtlos mitgespielt, es zugelassen. Und fleissig alle Bettchen gewärmt, alle Tellerchen gefüllt, in grösseren Töpfen gekocht, fleissig genährt. Und tüchtig dumm gewesen, statt zu schreien, loszuschreien, gegenzuschreien.

Der Sohn ist gegangen und sie wusste nichts mehr von ihm. Ein Jahr wusste sie nicht wie er lebte und wo, nur wie er starb. Sie hätte nicht warten dürfen, er wäre nie zurückgekommen, ihr Warten war eine Lüge. Nun kann sie ihn nicht mehr suchen, nicht mehr finden, nur einen Erdhügel bepflanzen und die Worte hineinlegen, die sie nie ausgesprochen hat, die Heuchelei fortsetzen. Er kann sich nicht mehr wehren, aber sie wird es tun, so tot ist er nicht, dass sie nicht wüsste, was er nicht ertragen könnte, obwohl sie wenig verstanden hat, was er so redete, sich keine Zeit nahm zuzuhören, immer beschäftigt tat, ihr eigener Aufseher war. Seine E-Musik hatte sie aber gern, nicht immer, fühlte sich dann von den fremden Tönen besetzt, vollgelaufen bis obenhin, unfähig etwas dagegen zu tun, bis der Mann reklamierte oder jemand vom Haus. Später vermisste sie alles.

Als das Warten anfing, hatte sie plötzlich Zeit. Sein Zimmer war voll mit Zeit, der Schrank, das Bett, der Stuhl. Sie konnte nicht umgehen damit. Lief in die Küche und kochte wieder Kaffee, die Essensreste waren noch nicht ausgekühlt, nahm sie Kaffee mit Kuchen, schaufelte das süsse Zeug rasch weg, quälte sich mit der Kalorienzahl und wusste, dass sie sich, vollgefressen, nicht ausstehen konnte. Als wollte sie sich bestrafen, ihre Eitelkeit, die sie vollkommen wünschte, ihre Zeit portionierte, stahl.

Das hat sie zu spät verstanden, allein mit dem Mann, der sie verändert fand und von Wechseljahren redete. Damit hatte die Wende einen Namen, ihre innere Unordnung war benannt. Aber nicht zu bannen. Der Abschied begann. Was fürs Leben eingerichtet war, zerfiel beim Warten auf den Sohn. Die Zeit war taub geworden, eine leere Hülse, als hätte sie vom Sohn noch Leben zu erwarten?

Er ist tot. Und sie hat noch Zeit, Angst vor der Zeit, müsste Abbitte leisten für das, was sie nicht getan hat. Hier hat sie noch keine Uhr gesehen, aber sie ist sicher, dass die Zeit sie einholen wird. Es ist klug mit der Zeit auf Du zu stehen. Hier geht das nicht. Hier warten sie auf Anweisungen, Rezepte, laufen durch die Kranken-Korridore und repetieren ihre Krankengeschichten, damit sie, aufgerufen, rapportieren können. Hier herrschen die weissen Mäntel, entwerten die Zeit. Sie muss weg, bevor ihr Namen aufgerufen wird, welcher Name, wohin weg? Der Sohn ist unterwegs, nicht mehr zu fragen, Mutter und Vater antworten schon lange nicht mehr, und der Mann will nichts davon wissen, dass sie gehen will, geht. Aber zurück kann sie nicht, nicht zurück in die alte Zeit, die alte Rolle. Sie würde den Sohn verraten, und sich. Ihre Haut ist weg, alle Haut, kein Schutz mehr da, ein plötzlich kalter Strahl unter der Morgendusche und sie hört ihr Weinen, sie erträgt nichts mehr, muss das Klima wechseln. Der Sohn würde sich freuen, wenn sie den Koffer nimmt und geht, nicht hier im Schimmelstuhl hängen bleibt, zu schimmeln anfinge, zu schimmeln. Sie hat von einer grüngelben Knollennase geträumt und im Dämmern die Schläge, der Schlag auf den Kopf, der sie elektrisiert, aber da ist niemand, nur sie, wenn es stimmt, wenn sie nicht gegangen ist, ihr alter Koffer steht da, neben dem Korbstuhl.

 

Der Hund des Enkels der Frau

DER HUND DES ENKELS DER FRAU

Fabio hat ihn von den Kanaren mitgebracht oder war es Indien? Es steht nicht mehr gut um ihr Gedächtnis und Fabio fragen geht nicht mehr, aber wenn der schwarze Tim zielgerichtet über die Buckelwege tänzelt, seine Ohren schlappen im Takt der dünnen hohen Beine, erinnert er an einen schlauen Inselhund auf seinem Raubzug. Und ihre Angst, er könnte sich dabei ein Bein brechen, ist ziemlich dumm, auch seine Mühe beim Atmen kennt sie, als stecke ein Kloss in der Kehle, ein Würggeist. Sie sind gleich betagt, der Hund ihres Enkels und sie, wenn ihr die Buckelwege schwerfallen, wartet Tim, bis sie aufgeholt hat, und lahmt Tim, geht es andersrum. Eine Symbiose, die sie rührt wie eine späte Liebessache, die ihr unerwartet zufiele. Der alte Tim und die alte Frau.

Natürlich war es bei Fabio aufregender für Tim, sein Zuhause ein Kleinbus, bei wechselnder Aussicht, mit neuen Standorten, Gerüchen, Natur. Und Fabio ständig auf der Sinnsuche, ein Künstler eben, ein Kunststudent, begabt und schön jung. Nichts verkleistert, zementiert, abgezählt, jeder Tag offen in eine neue Landschaft, denkt sie, in Möglichkeiten und Wunder, oder doch nicht, wenn sie das Ende bedenkt, ein Geheimnis, das niemand enträtselt hat. Vielleicht die Hundeaugen, die sie tiefgründig betrachten, aber wer kann sie schon deuten, und vielleicht sieht sie mehr hinein, als sein kann, handelt es sich lediglich um den normalen hündischtreuen Blick.

Warum nur so weit in den Norden, im Norden ist alles kälter, aber ein Studienplatz an der Kunstakademie, und ausserdem Tim als Begleiter. Doch wird sie den Gedanken nicht los, dass Fabio dort, trotz seiner Studienkollegen, auf eine besondere Art einsam war. Einen Rückzug vermutet sie, die Antennen nach draussen gekappt, die Sinne auf seine innere Welt ausgerichtet, eine labyrinthische Reise mit Abstürzen und Hochrappeln, mit blinden Träumen, einem leeren Horizont.

Er wollte, dass sie in den Norden mitkomme, einmal im Leben verreise, es sei nie zu spät mit was Neuem zu beginnen. Doch es braucht keine Reise mehr, um Fabio zu besuchen. Ein paar hundert Schritte hügelwärts genügen und sie kann ihm von Tim erzählen und ihrer Buckelwelt, von einem Ameisenhaufen, den ein feiner Herr mit Benzin übergoss und lodern liess. Kann wieder die dunklen Stunden einkreisen, wo Fabio von zwei Hundeführern, drei Polizeiwagen und einem Hubschrauber gesucht, durch ein fremdes Waldgebiet irrte, mit Tim einen Fluss durchschwamm und endlich gegen dreiundzwanzig Uhr über eine Leiter den Leitungsmast erkletterte, von dort sich vielleicht neu orientieren wollte. Es war kein Selbstmord, es war ein zu Tode gehetzter Fabio, dem so schwebend schwindlig wurde und der von drei Kabeln das falsche ergriff, nackt in den Tod stürzte.

Der blaue Kahn sei ufernah an der Boje festgebunden gewesen. Im Boot ein junger Mann mit einem grossen schwarzen Hund, traumversunken, unansprechbar. Gestört, befand der Besitzer des Kahns, als Psychologe sehe man das, er habe den Burschen mit dem Fernglas näher geholt, der reglos gelegen habe, in zerrupften Jeans, mit blossem Oberkörper, seine blossen Füsse ausgestreckt. Habe ihn lange anvisiert, ein blondgelockter Spinner oder Drögeler mit dem Jesustouch, und seinen teufelsschwarzen Hund, ausgerechnet in seinem Kahn, als gebe es nicht uferweit ganz andere Kaliber zu besetzen. Auch den Spaziergängern sei das Ganze verdächtig vorgekommen und man habe es mit Rufen versucht, aber nicht mal das schwarze Vieh habe sich bewegt, und schlagartig sei ihm klar geworden, was hier anstehe.

Der Polizeiwagen mit Blaulicht sei mit psychologisch ausgebildeten Helfern angerückt, der Warnschuss vereinbart gewesen. Aufgeschreckt seien der Unbekannte und sein Hund blitzartig ins Wasser getaucht und man habe sie das andere Ufer erreichen und im Wald verschwinden sehen. Offenbar sei er nicht ganz bei Sinnen gewesen, denn er habe mit seiner nassen Jeans die Kreditkarte, den Studentenausweis und einen ansehnlichen Geldbetrag zurückgelassen. 

Seither hadert sie mit dem Tod. Er hat den Enkel genommen und sie übersehen. Ein leuchtender Tag, an dem Fabio begraben wurde, ein Fest der Liebe und der Sonnenblumen. Die Sonnenlichter, im langen Zug der Trauernden, waren für sie Signale des Lebens und die vielen Menschen, die schlangenartig die Friedhofswege füllten, ein stiller Protest gegen den Tod.

Und wieder Sonnenblumenzeit. Auf den Morgenwegen mit Tim die Lichtgräser voller Tau und Windgeflüster in der alten Buchenallee, am Boden die Lichtgeometrien, Andachtswege. Vergnügt läuft Tim und stellt die schwarzen Ohren. Fabio ist nicht weit.

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